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„Irgendwann ist die Chance vorbei, wenn man immer so weitermachen würde“

Fotos: privat

Wenn junge Mädchen ihren Vorbildern auf Instagram nacheifern möchten, kann es schnell dazu kommen, dass sie mit ihrem Körper unzufrieden sind und immer dünner werden möchten. Maren ist genau dies passiert. Die Schülerin wurde magersüchtig und musste mehrmals in die Klinik. Mittlerweile ist ihr letzter Klinikaufenthalt zwei Jahre her, sie ist auf dem besten Weg der Heilung und will dabei anderen Betroffenen helfen und ihnen zur Seite stehen. Im Gespräch spricht sie über die Krankheit und wie sie es geschafft hat, wieder zurück in ein gesundes Leben zu finden.


Wann hat es angefangen, dass du nur noch an Abnehmen gedacht hast?

Das war 2015. Es hatte auch viel mit meiner familiären Situation zu tun. Ich wurde unzufrieden mit meinem Körper, der sich in dem Alter ja auch stetig verändert. Und dann habe ich mich mit anderen verglichen, gerade auch auf Instagram. Ich war da dann ein leichtes Opfer für solche Einflüsse.

Gab es einen Moment, in dem du für dich gemerkt hast, so geht es nicht weiter?

Es hat sich eher über die Zeit entwickelt. Es gab keinen richtigen Moment. In der Klinik haben sie mir immer wieder Anstöße gegeben, dass ich etwas ändern muss. Und so habe ich mit der Zeit gemerkt, dass es das Richtige ist.

Wie hat dir die Zeit in der Klinik geholfen?

In der Klinik ist eine der wichtigsten Dinge immer, dass man zunimmt. Und auch einfach zunehmen muss. Man kann sich da nicht einfach drumherum schummeln. Ich hatte auch das Gefühl umso mehr ich zugenommen habe, umso mehr hat mein Kopf auch wieder angefangen mitzudenken. Ich hatte während der Krankheit das Gefühl, dass ich gar nicht rational denken kann, sondern alles nur von der Krankheit gesteuert ist.


Was hat dir schlussendlich geholfen, wieder zu dir zu finden und diese Krankheit zu überstehen?

Meine Therapeutin hat immer eine Sache gesagt. „Jetzt ist der Moment, wo du die Chance hast, zu sehen, wie dir das Leben ohne Krankheit gefällt. In die Krankheit kannst du immer zurück.“ Ich meine, ich werde immer wissen, wie man abnimmt.

Es geht darum zu versuchen, zu sehen wie es sein kann. Irgendwann ist diese Chance vorbei, wenn man immer weiter so machen würde.

Das hat mir wirklich sehr geholfen.

Ist deine Therapeutin eine wichtige Bezugsperson?

Ja, also ich versteh mich mit meiner Familie wieder recht gut, aber ich kann mit denen über so etwas nicht reden. Sie können und wollen es vielleicht auch gar nicht verstehen. Meine Therapeutin kann da einfach viel neutraler zuhören und mit mir sprechen.

Was rätst du Menschen, die die Vermutung haben, dass eine geliebte Person aus ihrem Umfeld an einer Essstörung oder Magersucht leidet?

Das ist sehr schwierig. Ich habe mir schon oft überlegt, was ich mir gewünscht hätte, wie Leute mit mir umgehen. Ich bin mir zu 80% sicher, hätte mich jemand direkt darauf angesprochen, hätte ich gesagt, dass es nicht so ist. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Das wichtigste ist, das Gefühl zu vermitteln, dass die Person mit einem zu jederzeit über alles reden kann, wenn sie möchte.

Hast du im Rahmen deines Gesundwerdens auch Konsequenzen in deinem eigenen Umfeld gezogen?

Mit alten Freunden habe ich gar keinen Kontakt mehr. Und als ich dann aus der Klinik kam bin ich dann auch ausgezogen von Zuhause und wohn jetzt alleine. Das war das beste was mir passieren konnte.

Abstand zu meiner Familie zu bekommen, war auch wichtig. Nicht, weil ich sie nicht mehr mag, sondern weil ich mir selbst dachte: Ich kann nicht in dem Umfeld gesund werden, in dem ich krank geworden bin.

Auch während der Zeit in der Klinik hatte bereits ich nur sehr wenig Kontakt zu Freunden oder meiner Familie.

Können denn Menschen, die noch keine ähnlichen Erfahrungen hatten, diese Krankheit und die Menschen dahinter überhaupt verstehen?

Oft musste ich hören, dass mein Umfeld nicht verstehen kann, wie ich mich verhalte. Das ist eine Sache, die ich jetzt erst anfange nachvollziehen zu können. Ich wurde oft angeschrien und es wurden Dinge gesagt, wo andere absolut nicht verstehen konnte, wie man so etwas zu einem Kind sagen kann. Aber mittlerweile sehe ich, dass mein enges Umfeld einfach verzweifelt war.

Wenn ich mich in Ihre Lage reinversetze und daran denke, dass sie quasi dabei zusehen mussten, wie ich mich langsam umbringe und nichts dagegen machen konnten, verstehe ich, wie schwierig das sein muss.

Wie geht ein Elternteil bei so etwas am besten vor, wie würdest du damit umgehen?

Ich würde versuchen ganz anders damit umzugehen, wie meine Eltern. Man muss sich drum kümmern und darf sich nicht aus der Verantwortung rausziehen. Zu sagen: „Mach mit deinem Leben was du willst und wenn du irgendwann nicht mehr da bist, ist es auch egal“, ist absolut die falsche Methode.

Man kann es nicht nachvollziehen, aber sollte immer das Gefühl vermitteln, egal was passiert da zu sein.

Wie hättest du dir gewünscht, wie Leute mit dir umgehen, auch wenn sie wissen, dass du krank bist oder warst?

Das wichtigste ist, dass man die Person nicht deswegen einfach abwertet. Man muss die Person als Person sehen und nicht als das, was sie erlebt hat oder gerade durchmacht.

Was rätst du Menschen, die die Vermutung haben, dass eine geliebte Person aus ihrem Umfeld an einer Essstörung oder Magersucht leidet?

Das ist sehr schwierig. Ich habe mir schon oft überlegt, was ich mir gewünscht hätte, wie Leute mit mir umgehen. Ich bin mir zu 80% sicher, hätte mich jemand direkt darauf angesprochen, hätte ich gesagt, dass es nicht so ist. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Das wichtigste ist, das Gefühl zu vermitteln, dass die Person mit einem zu jederzeit über alles reden kann, wenn sie möchte.


Welche Auswirkungen hat diese Zeit heute noch für Dich und was hast du aus ihr mitgenommen?

Ich glaub ich werde immer Momente haben, wo man da darüber und über seinen Körper nachdenkt. Aber ich selbst hab nicht das Gefühl, dass ich gefährdet wäre rückfällig zu werden.

Und ich weiß heute, dass ich auf mich selbst achten muss. Vergleicht euch nicht mit anderen. Man muss selbst dahinter stehen, was man macht. Es muss einem selber Spaß machen und man selbst muss es gut finden, das ist das, was zählt.

Welchen Einfluss haben die sozialen Medien auf junge Mädchen, wenn sie tagtäglich mit einem äußeren Erscheinungsbild von extrem dünnen Frauen konfrontiert werden?

Einen viel zu großen. Egal ob positiv oder negativ, jede Person, die Social Media benutzt, wird davon stark beeinflusst. Egal ob sie es wahrhaben wollen oder nicht. Es gibt viele Personen, die sich zwar als geheilt auf Instagram präsentiert haben, aber man richtig zusehen konnte, wie sie wieder rückfällig wurden.

Für mich ist es mittlerweile sehr wichtig, über meinen Account andere zu motivieren. Die Leute, die mich von früher kannten und jetzt sehen, was möglich ist, schöpfen doch auch Kraft dadurch, was mich schon froh macht.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir auch ohne Therapeut wieder dahin zu kommen, wo ich vor der Krankheit war.

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