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Psychische Krankheit: Unglücksfaktor

Photo: Matthias Möller / Media Mirage

Manuela Richter-Werling

Geschäftsführerin, Gründerin von Irrsinnig menschlich e.V.

Rund 75 % aller psychischen Erkrankungen beginnen im Kindes- und Jugendalter.
Und nicht wenige Kinder wachsen mit einem psychisch kranken Elternteil auf. Häufig vergehen mehrere Jahre, bis sich betroffene Menschen Hilfe suchen und passende Hilfen finden. Eine der größten Hürden für sie ist die Angst, stigmatisiert zu werden.

Frühe psychische Probleme, besonders Depressionen und Angststörungen, sind für die kör- perliche und soziale Entwicklung von Heranwachsenden schwerwiegende Erkrankungen – nicht selten lebenslang. Viele der betroffenen Kin- der und Jugendlichen zeigen ernsthafte Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen und tragen ein hohes Risiko für gesundheitliche Störungen in ihrer weiteren Entwicklung. Generell sind Menschen mit psychischen Erkrankungen stärker von körperlichen Erkrankungen, Sucht, sozialer Isolation, Armut, Arbeitslosigkeit, Frühberentung und Suizid betroffen.

Langer Leidensweg

Isa, heute 30, hat das exemplarisch erlebt. Mit 12 wurde sie vergewaltigt, erlitt ein Trauma, begann sich selbst zu verletzen, zu hungern und zog sich zurück. Die Schule wurde zur Qual, der Weg zu Ausbildung und Studium lang und schwer. Erst Jahre später erfährt sie, dass das alles Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung sind. Das bundesweite Präventionsprogramm „Verrückt? Na und! Seelisch fit in der Schule“ von Irrsinnig Menschlich für Schüler(innen) ab Klasse 8 und ihre Lehrkräfte setzt genau dort an: Seelische Krisen in der Klasse zur Sprache bringen, Warnsignale erkennen, Bewältigungsstrategien kennenlernen, Vorurteile und Ängste abbauen, Hilfe und Unterstützung aufzeigen. Isa ist sich sicher, dass sie in ihrer Schulzeit von einem solchen Programm profitiert und sich viel eher Hilfe gesucht hätte. Deshalb engagiert sie sich als persönliche Expertin bei den Schultagen von „Verrückt? Na und!“. Gemeinsam mit einer fachlichen Expertin geht sie in Schulklassen, informiert, klärt auf, stellt sich den Fragen der Schüler(innen), macht ihnen Mut und teilt ihre Lebenserfahrungen. Am liebsten spricht Isa darüber, wo es Hilfe gibt und was ihr geholfen hat, Krisen zu überstehen und jetzt endlich zu studieren. Isa selbst hilft der Einsatz bei „Verrückt? Na und!“ und auch bei „Psychisch fit studieren“, dem Präventionsprogramm für Studierende, das Geschehene zu akzeptieren und aus dem Schrecklichen, was sie als Heranwachsende erlebt hat, doch noch etwas Gutes machen zu können.

In Prävention psychischer Erkrankungen zu investieren, lohnt sich

Studien zeigen, dass etwa die Hälfte aller Menschen in Deutschland im Laufe ihres Lebens einmal psychisch erkranken. Und sie zeigen auch, dass die Kosten für Prävention mehr als aufgewogen werden durch Einsparungen, besonders in Bezug auf Kinder und Jugendliche. Hier bringt Prävention Nutzen über Jahrzehnte, nicht nur im Gesundheitssystem, sondern auch in Bereichen wie Schule, Ausbildung, Beruf, Sozialleistungen und Justiz. Deshalb ist es ethisch und wirtschaftlich an der Zeit, heute die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu fördern, damit weniger von ihnen die arbeitslosen und kranken Menschen von morgen sein werden.

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