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TABU

Redebedarf !

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Dr. med. Yael Adler

Dermatologin , Referentin, Bestsellerautorin

Gäbe es den Begriff nicht schon so lange, irgendwann hätte er bestimmt das Zeug zum „Wort des Jahres“ gehabt. Immerhin hat er seinen Siegeszug aus dem polynesischen Sprachraum angetreten: das Tabu.

Der Grund für diese Weltkarriere ist so traurig wie einleuchtend: Neben gesellschaftlichen Tabus hat beinahe jeder sein ganz persönliches. Darüber wird fast nie gesprochen – höchstens und ganz selten mal beim Arzt. Diese interne Nachrichtensperre beruht fast immer auf einem Grundirrtum: Man wähnt sich mutterseelenallein mit seiner Bedrückung oder fürchtet, sich bei Bekanntwerden sozialer Ächtung auszusetzen. Beides ist meistens falsch.

Ich bemerke bei vielen meiner Patient(inn)en, wie erstaunt und erleichtert sie sind, wenn sie mir ihr Problem anvertrauen und ich völlig sachlich darauf reagiere – weil ich damit von vielen anderen ganz persönlichen Beichten vertraut bin: Ja, auch andere Frauen klagen über Scheidentrockenheit nach der Menopause, und ja, die lässt sich erfolgreich etwa mit dem Laser behandeln! Ja, man kann sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anstecken, ohne gleich asozial oder eine Rotlichtgestalt zu sein! Ja, auch bei massivem Einsatz chemischer Kampfstoffe sind bestimmte Körperausdünstungen nicht zu überduften – aber vielleicht kann man an Darmflora, Zahnhygiene, Kleidung oder Art der Hautpflege etwas verändern!

Je eher der Patient ermutigt wird, sich seinem Arzt zu offenbaren, umso effizienter und verständlicher kann die Behandlung sein.

So vielfältig gesundheitliche und Körpertabus sind, es gibt bisher wohl keines, das einer ganz für sich allein hat. Seit Jahrhunderten müht sich die Medizin mit Gegenmitteln ab. Was erst in neueren Zeiten als Thema auftaucht: Voraussetzung einer erfolgreichen Therapie ist erst einmal die umfassende Kommunikation zum Problem. Arzt und Patient auf Augenhöhe – wer mit Fragen, Vermutungen oder auch nach eingehender Internetrecherche in die Sprechstunde kommt, ist kein besserwisserischer Querulant, sondern interessierter Gesprächspartner. Der „aufgeklärte Patient“, früher von Kollegen gern mit leicht ironischem Unterton so tituliert, ist durchaus erwünscht.

Je eher der Patient ermutigt wird, sich seinem Arzt zu offenbaren, umso effizienter und verständlicher kann die Behandlung sein – die dem Patienten hilft, seine Lebensqualität zu erhalten oder wieder zu verbessern. Das Wort Früherkennung trägt die entscheidende Voraussetzung schon in sich, denn viele Therapien sind auch ein Wettlauf mit der Zeit. Und bei sexuell übertragbaren Krankheiten trägt man – nicht anders als bei lästigen Heimsuchungen wie Fußpilz oder Warzen – auch Verantwortung für seine Mitmenschen. Die Tatsachen müssen nur offen auf dem Tisch liegen. Also: Keine Diagnose durch die Hose!

Im Übrigen wäre im Arzt-Patient-Kontakt auch ein gewisses Maß an Humor sehr hilfreich.

Da, wo es angebracht ist; man muss sich ja nicht gleich totlachen.

„Wir müssen reden, Frau Doktor!“- Dr. Yael Adler

Arzt und Patient – diese Beziehung ist wichtig, oft sogar lebenswichtig. Leider steckt sie in der Krise. Du verstehst mich nicht! Nie hast du Zeit für mich! Ich vertraue dir nicht mehr! Vorwürfe wie diese gibt es in Arztpraxen und Kliniken gleichermaßen. Mangelnde Empathie und Zuwendung führen bei Patienten zu Frust und Zweifel und behindern Therapieerfolge. Dr. med. Yael Adler zeigt pointiert und anhand zahlreicher Fallgeschichten, welche Typen von Ärzten und Patienten es gibt, wie beide ticken und welche Rollen sie jeweils in der Arzt-Patient-Beziehung spielen.

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