Es ist aber möglich, Patienten und Heimbewohner wirksamer vor einer Infektion mit diesen Keimen zu schützen: durch konsequente Hygiene, vor allem aber durch umfassende Aufklärung der Bevölkerung.

Experten schätzen, dass sich allein in Krankenhäusern zwischen drei und sechs Prozent aller Patienten mit Erregern infizieren. Das sind bundesweit zwischen 500.000 und einer Million Menschen. Laut Göttinger AQUA-Institut, zuständig für die Qualitätsmessung in deutschen Krankenhäusern, erlitten im Jahr 2013 rund 400 Patienten beim Einsetzen einer Knieprothese und rund 730 Patienten, denen eine Hüftprothese eingesetzt wurde, im direkten Anschluss an die Operation eine Wundinfektion.

Bis zu einem Drittel der Klinikinfektionen wäre durch Vorsorge zu vermeiden.

Ähnlich erging es Patienten, die nach einem Oberschenkelhalsbruch operiert werden mussten. In einer für die Bundesregierung erstellten Studie wurden 2011 die Daten von rund 42.000 stationären Patienten ausgewertet. Das Ergebnis: Rund 1.600 (3,8 Prozent) von ihnen erlitten während des Klinikaufenthaltes eine Infektion.

Was steckt hinter dieser beängstigenden Entwicklung? Ein allzu großzügiger und ungezielter Umgang mit Antibiotika in den vergangenen Jahrzehnten rächt sich heute: Viele Bakterienstämme, die im menschlichen Körper und in der Umgebung natürlicherweise vorkommen, sind gegen die gängigen antibiotischen Wirkstoffe unempfindlich geworden. Als Bestandteil der Darmflora oder auf der Haut sind diese Keime meist harmlos.

Dringen sie aber in Wunden, Harn- oder Atemwege ein, so können sie lebensbedrohliche Erkrankungen hervorrufen. Besonders gefährdet sind frisch Operierte, Menschen mit Hautverletzungen oder Wunden, Patienten, die einen Katheter tragen oder Infusionen erhalten. Diese Personen können nicht nur ernsthaft erkranken, sondern sie geben die Keime auch leicht an das Pflegepersonal, Besucher und andere Patienten weiter.

Was kann man tun? Bis zu einem Drittel der Klinikinfektionen wäre durch Vorsorge zu vermeiden. Strenge Hygiene, vom richtigen Händewaschen bis zum Desinfizieren von Händen und Oberflächen, ist das oberste Gebot. Ein konsequentes Hygienemanagement lohnt sich, wie man an den vorbildlichen Verhältnissen in den Niederlanden und Skandinavien sehen kann.

Dort sind multiresistente Erreger viel weniger verbreitet als bei uns. Aufklärung und verschärfte Hygienemaßnahmen in Kliniken und Pflegeheimen tragen auch bei uns erste Früchte. So ist die Häufigkeit von MRSA, einem der bekanntesten Krankenhauskeime, in vielen Einrichtungen stabil oder bereits rückläufig.

Schließlich sollte die Öffentlichkeit stärker für das Thema Hygiene sensibilisiert werden.

Jeder ist in der Verantwortung, die Ausbreitung der Keime zu verhindern, ob Chefarzt, Krankenschwester, Reinigungskraft oder pflegende Angehörige. Nach Ansicht des Bundesverbandes für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz BGV gibt es zudem in Deutschland zu wenige Klinikhygieniker: Nur knapp zehn Prozent der deutschen Krankenhäuser beschäftigen einen Facharzt für Hygiene, obwohl das Robert Koch-Institut für Akutkrankenhäuser ab 450 Betten einen hauptamtlichen Krankenhaushygieniker fordert. Das betrifft in Deutschland rund 400 Kliniken.

Insgesamt wird deutlich, dass auf dem Gebiet der Infektionsgefahr mit Keimen akuter Handlungsbedarf besteht. Dies gilt für Krankenhäuser ebenso wie für Pflegeeinrichtungen für Senioren. Hierzu muss als Erstes die Politik die aktuelle Situation der Krankenhaus- und Pflegeheimhygiene in Deutschland als prioritäres Problem anerkennen und entsprechenden Handlungszwang aufbauen.

Dazu müssten eindeutige gesetzliche und strukturelle Rahmenbedingungen geschaffen sowie Mindeststandards zur personellen und kapazitativen Entwicklung im Bereich der Hygiene festgelegt werden. Schließlich sollte die Öffentlichkeit stärker für das Thema Hygiene sensibilisiert werden. Denn auch Patientinnen und Patienten und deren Angehörige können ihren Teil beitragen.

Die vorliegende Beilage möchte aufklären, sensibilisieren, das Bewusstsein für die Thematik stärken, aber auch Ängste nehmen. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine angenehme Lektüre.