Rötungen, Juckreiz, Schübe – chronische Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Psoriasis und Akne Inversa begleiten viele Menschen ein Leben lang. Doch dank moderner Therapien und mehr Wissen über die Hautbarriere eröffnen sich heute neue Wege zu einem beschwerdefreien Alltag. Im Gespräch mit Dermatologin Dr. Miriam Rehbein.
Neurodermitis
Welche Therapiemöglichkeiten stehen aktuell zur Verfügung?
Die Behandlung der Neurodermitis hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Die Basis bleibt nach wie vor die tägliche, konsequente Pflege mit rückfettenden, parfumfreien Cremes oder Lotionen. Sie stärkt die Hautbarriere und kann Schübe deutlich reduzieren.
Bei akuten Entzündungen kommen kortisonhaltige Cremes oder Calcineurininhibitoren wie Tacrolimus oder Pimecrolimus zum Einsatz. Diese wirken gezielt entzündungshemmend und eignen sich auch für empfindliche Hautareale wie das Gesicht.
Für Patientinnen und Patienten mit moderaten bis schweren Verläufen stehen mittlerweile auch moderne Biologika wie Dupilumab oder Tralokinumab sowie JAK-Inhibitoren in Creme- oder Tablettenform zur Verfügung. Das sind zielgerichtete Therapien, die die Entzündungsprozesse sehr effektiv bremsen – mit deutlich weniger Nebenwirkungen als klassische Immunsuppressiva.
Wie können Patienten selbst aktiv zu einer besseren Hautbarriere beitragen, z. B. durch Pflegerituale, Ernährung, Schlaf oder Stressmanagement?
Das Wichtigste ist ein tägliches Pflegeritual. Nach dem Duschen sollte man die Haut nur sanft abtupfen und innerhalb von drei Minuten mit einer reichhaltigen Creme versorgen am besten mit Inhaltsstoffen wie Ceramiden, Glycerin oder Harnstoff in niedriger Konzentration. Diese binden Feuchtigkeit und reparieren die Barriere.
Kurze, lauwarme Duschen sind besser als lange heiße Bäder, die Fett und Feuchtigkeit entziehen. Auch sogenannte Wet-Wraps, also feuchte Umschläge mit Pflege oder Medikamenten können Schübe abmildern.
Darüber hinaus spielen Schlaf, Ernährung und Stress eine große Rolle. Wer gut schläft, Stress reduziert und auf eine ausgewogene Ernährung achtet, unterstützt die Hautheilung. Es gibt keine „Neurodermitis-Diät“, aber es lohnt sich, individuelle Trigger – etwa bestimmte Nahrungsmittel zu beobachten.
Auf welche Inhaltsstoffe sollten Betroffene beim Kauf von Pflegeprodukten besonders achten und welche besser meiden?
Weniger ist mehr. Ideal sind Produkte mit Ceramiden, Cholesterol, freien Fettsäuren oder Niacinamid, weil sie die Barrierefunktion nachahmen. Parfum, ätherische Öle oder Alkohol hingegen können die Haut reizen und sollten vermieden werden.
Auch natürliche Inhaltsstoffe sind nicht automatisch besser. Viele Pflanzenextrakte enthalten allergene Duftstoffe. Und Harnstoff in hoher Konzentration, etwa über zehn Prozent, kann bei akuter Entzündung stark brennen. Hier lohnt sich die individuelle Beratung in der dermatologischen Praxis.
Psoriasis
Viele Patienten erleben Phasen mit stark ausgeprägten Schüben. Welche Faktoren können solche Schübe auslösen oder verstärken (sog. Trigger)?
Bei der Schuppenflechte spielt das Immunsystem verrückt und wird dabei durch verschiedene Trigger zusätzlich angefeuert. Häufige Auslöser sind Infekte, vor allem durch Streptokokken, Stress, Hautverletzungen oder auch bestimmte Medikamente wie Betablocker oder Lithium.
Auch Übergewicht, Alkohol, Rauchen und Sonnenbrände können Schübe verstärken. Es lohnt sich, ein „Trigger-Tagebuch“ zu führen, um individuelle Zusammenhänge zu erkennen.
Neben der medizinischen Behandlung spielt die Hautpflege eine große Rolle. Worauf sollten Patienten im Alltag besonders achten?
Regelmäßige Pflege ist das A und O. Fett- und feuchtigkeitsspendende Cremes helfen, Schuppen zu lösen und Spannungsgefühle zu lindern. Bewährt haben sich Inhaltsstoffe wie Harnstoff oder Salicylsäure in niedriger Dosierung, um die Schuppen sanft zu entfernen.
Nach dem Duschen sollte man die Haut immer eincremen. Auf Reibung etwa durch enge Kleidung sollte man achten, da Mikroverletzungen neue Herde auslösen können.
Auch Lebensstilfaktoren sind entscheidend: Bewegung, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Stressabbauwirken sich positiv auf das Hautbild aus. Bei stärkerer Ausprägung stehen heute zahlreiche moderne Systemtherapien zur Verfügung von Biologika, die gezielt Entzündungsbotenstoffe blockieren, bis zu oralen JAK- oder TYK2-Hemmern.
Geduld und Selbstfürsorge sind das höchste Gebot. Hauterkrankungen sind Marathonläufe, keine Sprints. Wer sich selbst ernst nimmt, seine Haut regelmäßig pflegt, auf seinen Lebensstil achtet und sich nicht scheut, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, kann die Lebensqualität enorm verbessern. Es geht nicht nur um schöne Haut – es geht um Wohlbefinden, Balance und Selbstakzeptanz.
Akne Inversa
Wie unterscheidet sich Akne Inversa von Akne Vulgaris und was hat unser Immunsystem damit zu tun?
Akne Inversa ist keine stärkere Form von Akne, sondern eine eigenständige, chronisch-entzündliche Erkrankung. Während Akne Vulgaris meist durch Talg, Hormone und Bakterien entsteht, liegt bei Akne Inversa eine Fehlsteuerung des Immunsystems vor. Die Entzündungen sitzen tief in der Haut, oft in Achseln, Leisten oder unter der Brust. Das Immunsystem reagiert über, es bilden sich schmerzhafte Knoten, Abszesse und Fistelgänge – ein massiver Leidensdruck für Betroffene.
Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Frühe Diagnose ist entscheidend. Neben Antibiotika und Retinoiden stehen heute moderne Biologika zur Verfügung, die das Immunsystem gezielt regulieren. In schweren Fällen kann ein chirurgischer Eingriff helfen. Unterstützend wirken Rauchstopp, Gewichtsreduktion und konsequente Hautpflege.





