Es gilt inzwischen als unhöflich, „Gesundheit“ zu wünschen, weil man damit jemanden mit einer dauerhaften Allergie zu Unrecht in einen Topf mit vorübergehend Erkälteten wirft. Mehr als ein Drittel der Menschen in Deutschland betrifft eine ärztlich diagnostizierte Allergie. Hinzu kommen viele, die davon ausgehen, eine Allergie zu haben. Am häufigsten nach wie vor die Pollenallergie. Viele müssen nur eine Birke sehen und zack läuft die Nase – ganz harmlos, oder?

Dr. Eckart von Hirschhausen
Arzt, Wissenschaftsjournalist und Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“
Viele „doktorn“ eigenmächtig an den Symptomen, ohne die Ursache genau zu kennen. Das ist gefährlich – und teuer! Es sterben jedes Jahr weltweit etwa 400.000 Asthmatiker. So viel zum Missverständnis der Harmlosigkeit. Schätzungen zeigen, dass in Europa Kosten von bis zu 150 Milliarden Euro jährlich durch unzureichend behandelte Allergien entstehen. Menschen mit Allergien fehlen am Arbeitsplatz, allergische Schüler schreiben schlechtere Noten in der Pollensaison, brauchen Arzttermine, Diagnostik, Medikamente und Krankenhausaufenthalten. Wer einmal ein Kind mit einem nächtlichen Asthmaanfall erlebt und begleitet hat, kennt die Dramen und Todesängste, wenn ein geliebter Mensch plötzlich buchstäblich keine Luft bekommt. Dann ist der nächste Tag für alle Beteiligten gelaufen.
Warum haben so viele junge und ältere Menschen die Nase voll von der „Natur“?
Durch die steigenden Temperaturen werden die Winter milder, die Natur ist aus dem Takt. Uns fliegen die ersten Haselpollen schon im Dezember entgegen. Gleichzeitig verlängert sich die Pollensaison, Allergiker haben kaum noch eine Verschnaufpause. Viele Betroffene bleiben aus Vorsicht lieber zu Hause, statt etwas zu unternehmen. Sie verzichten damit auf Bewegung, soziale Kontakte und positive Gemeinschaftserlebnisse, was für die körperliche wie auch die seelische Gesundheit abträglich ist. Aus dem Niesreiz oder tränenden und juckenden Augen kann sich die Allergie mit dem „Etagenwechsel“ auf die unteren Atemwege ausweiteten, bis zum Asthma. Besonders gefährlich sind Pollen in Kombination mit Gewitter. Die Pollen platzen durch die elektrostatische Aufladung und gelangen in kleineren Bruchstücken viel tiefer in die Lunge, wodurch die Immunreaktion umso heftiger losgetreten wird.
Warum sprechen wir bei der Energie- und Verkehrswende nicht viel mehr über die großen Gesundheitsvorteile, die mit sauberer Luft einhergeht?
An Tagen mit hoher Feinstaubkonzentration steigt die Zahl von Krankenhauseinweisungen für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen deutlich an. Vorerkrankte haben ein signifikant erhöhtes Risiko in den Tagen danach zu versterben. Denn wenn sich die Pollen mit Ruß- oder Feinstaubpartikel paaren, reizen sie das Immunsystem doppelt und dreifach. Und eine durch Luftschadstoffe vorgeschädigte Lunge reagiert auch schneller mit Allergie.
Klar, es gibt es für Allergien eine erbliche Komponente, aber unsere genetische Ausstattung hat sich die letzten Jahrtausende nicht groß geändert. Was sich geändert hat: die Umweltbedingungen, das Exposom. Sprich: chemische Stoffe aus Luft, Wasser, Nahrung und Konsumgütern, genau wie das Klima, Strahlung, Lärm, Mikroorganismen und sogar psychosoziale Faktoren wie Stress oder Lebensstil.
Eine der besten Expertinnen für diese Zusammenhänge ist Claudia Traidl-Hoffmann
Sie ist Chefärztin für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg sowie Direktorin der Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg und Helmholtz Zentrum München. In ihrem neuen Buch „Die Medizin der Zukunft“ zeigt sie verständlich und fundiert zugleich, warum Allergien so rasant zunehmen: „Altbekannte Leiden treten nun früher, stärker, andersartig auf, Pollenallergien beginnen schon im Januar, bei hoher Luftbelastung flammt die Neurodermitis auf, die Kombination aus Hitze und Luftschadstoffen nimmt meinen Patienten die Luft zum Atmen, sie vertragen bestimmte Lebensmittel nicht mehr. Wir spüren diesen Wandel am eigenen Leib, daher bringt es nichts, ihn zu verdrängen oder kleinzureden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den Klimawandel nicht ohne Grund zu einer der größten Gefahren für die Gesundheit der Menschen in kommenden Jahrzehnten erklärt“, so Traidl-Hoffmann.
Geh doch mal an die frische Luft!
Dieser Universalratschlag gilt eben nur, solange die Luft auch frisch ist. So enthalten Birkenpollen an viel befahrenen Straßen deutlich mehr Allergene als Birkenpollen auf dem Land. Vermutlich versuchen sich die Bäume so gegen den Dreck zu wehren.
Dann geh doch in die Natur!
Schade, dort lauern die sogenannten invasiven Arten, wie die harmlos wirkende Asthma-Pflanze, Ambrosia artemisiifolia. Diese Pflanze breitet sich unter den neuen klimatischen Bedingungen enorm aus. Es reichen bereits fünf Pollen aus, um eine allergische Reaktion hervorzurufen. Beim Kauf von Vogelfutter unbedingt auf „Ambrosia-kontrolliert“ achten, denn einmal in freier Wildbahn ist es kaum zu kontrollieren.
Wo die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch
Hoffentlich. Was noch schneller wächst ist der Markt für Müll, für falsche Versprechungen und dubiose Methoden, von Nahrungsmittelergänzung bis zur Bioresonanz. Das Netz ist voll von Deepfakes und Desinformation, auch mit meinem Gesicht und Stimme. Ärzte dürfen gar keine Medikamente bewerben – alles Betrug, bitte Finger weg von Wundermitteln aus dem Internet. Dabei hat die echte Therapie große Fortschritte gemacht, wie Traidl-Hoffmann beschreibt: „Neue Biologika als Spritzen oder in Tablettenform, blockieren die zentralen Schaltstellen der Botenstoffproduktion und wirken bei vielen extrem gut und schnell. Rechnet man den hohen Leidensgrad dagegen, die vielen schlaflosen Nächte, den Schul- oder Arbeitsausfall, die unzähligen Arztbesuche, relativieren sich die Kosten. Doch zu meinem Unverständnis, gibt es gravierende Unter- und Fehlversorgung von Betroffenen mit Neurodermitis.“
Und was tut sich in der Prävention?
Nach der „Dschungelhypothese“ sind Kinder später gesünder, die auch mal im Kuhstall waren oder im Heu übernachtet haben. Städter verbringen im Schnitt 23 Stunden des Tages in Innenräumen. Wenn wir nicht alle Großstadtkinder in den Dschungel bringen können, wie bekommen wir mehr Dschungel zu den Kindern? „Die Zukunft der Medizin ist Prävention“, betont Claudia Traidl-Hoffmann.
Ein Beispiel: Durch meine Honorarprofessur an der Universität Marburg lernte ich Harald Renz und seine Arbeit kennen. In einer Kontrollstudie wurden Spielplätze in Finnland „renaturiert“, sprich der Boden unter den Klettergeräten enthielt für die eine Studiengruppe viele gesunden Bakterien. Die Vergleichsgruppe bekam dieselbe Menge an Humus – dem diese natürlichen Lebensgemeinschaften fehlten.
Meine Großmutter hatte mir schon beigebracht „Dreck reinigt den Magen“. Präziser gesagt: Die Renaturierung von Spielplätzen, führte zu einem Anstieg der T-reg-Zellen und entzündungshemmenden Zytokinen. Die Bakterien aus dem Boden landeten in der Lebensgemeinschaft im Darm, Kinder, die auf renaturierten Spielplätzen spielten, wiesen eine geringere Anzahl potenzieller Krankheitserreger und eine höhere Vielfalt an gutartigen Mitbewohnern im Speichel und auf der Haut auf. Es wird spannend zu beobachten, wie sich diese Kinder über die Zeit weiterentwickeln, und wie hoffentlich durch so eine einfache Intervention das Risiko für immunvermittelte Erkrankungen langfristig gesenkt werden kann.
Worauf ich allergisch reagiere?
Auf Apathie! Denn bei alledem ist nicht die „Natur“ schuld, sondern die menschengemachte Klimaerwärmung, der Verlust an Artenreichtum um uns und in uns, und die fossile Luftverschmutzung. Wer kann daran was ändern? Richtig. Nur wir Menschen. Wir brauchen saubere Luft, rasche Senkung der Treibhausgasemissionen und können im besten Sinne Boden wieder gut machen – für Mensch, Tier und Pflanzen. Denn eigentlich wünschen wir uns, und jedem, inklusive Mutter Erde auch ohne niesen vor allem: „Gesundheit!“
Es ist schwer, ehrenamtlich die Welt zu retten, wenn andere sie hauptberuflich zerstören.“
Bitte helfen Sie mit Ihrer Spende!
Dr. Eckart von Hirschhausen hat die Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen gegründet.
Sie mobilisiert Gesundheitswesen, Politik und Gesellschaft für den Schutz der Planetaren Gesundheit und eine enkeltaugliche Zukunft. Mit Kommunikation, die Kopf und Herz erreicht. Denn: Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.




