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«Werft uns nicht alle in einen Topf»

Du bist seit deinem siebten Lebensjahr blind. Kannst du dich an die Zeit davor noch erinnern?

Ja, so gut, wie man sich mit Anfang 40 noch an die Zeit erinnert. Aber ich habe durchaus noch Bilder im Kopf, Gesichter von Menschen und auch Farben. Das hilft mir heute, mir Dinge vorzustellen, die mir von sehenden Menschen beschrieben werden.

Für die meisten Menschen ist ein Leben ohne Augenlicht unvorstellbar, für dich ist es seit vielen Jahren der Alltag. Gibt es etwas, das bis heute eine Herausforderung für dich ist?

Ehrlich gesagt, die wirklichen Herausforderungen in meinem Alltag sind fehlende Barrierefreiheit und die Vorurteile meiner sehenden Mitmenschen. Ansonsten führe ich ein ganz normales Leben. Sehende Menschen denken häufig, blind zu sein, sei gleichbedeutend mit absoluter Hilflosigkeit. Aber dank weißem Stock und einem Orientierungs- und Mobilitätstraining kann ich mich recht eigenständig durch Hamburg bewegen. Außerdem hatte ich als Jugendlicher ein sogenanntes Training in lebenspraktischen Fähigkeiten. Da habe ich zum Beispiel kochen gelernt, putzen und so weiter. Und dank künstlicher Sprachausgabe und Braillezeile – das ist ein Gerät, das den Bildschirminhalt in Blindenschrift ausgibt – kann ich auch den Computer und das Smartphone bedienen.

Du reist viel, gibst auf deinem Blog Kulturtipps. Wie erlebst du deine Reisen?

Ich nehme meine Umwelt, somit auch fremde Orte, über meine mir verbliebenen Sinne wahr. Ich höre das dynamische Treiben in London, die vielen verschiedenen Sprachen dort. Ich spüre die kräftige andalusische Frühjahrssonne auf meiner Haut, den kühlen Sommerregen in Norwegen. Ich rieche die Vielfalt der duftenden Pflanzen auf den Azoren oder die grünen Wiesen in Irland. Ich spüre den Kniepsand von Amrum unter den Füßen oder die kräftigen Wellen auf Rügen. Aber klar gibt es auch Dinge, die ich nicht wahrnehmen kann, die mir beschrieben werden müssen: Architektur zum Beispiel oder der Ausblick von einem Berg. Diese Einschränkung ist aber – ob im Urlaub oder daheim – nun einmal ein selbstverständlicher Teil meines Lebens.

Du schreibst auf deinem Blog über den Umgang mit Blinden. Was wünschst du dir persönlich von Menschen, die dir im Alltag begegnen?

Am wichtigsten ist wohl die Bereitschaft, Menschen mit Behinderung erst mal als Menschen wahrzunehmen und sie nicht nur über ihre Behinderung zu definieren. Ja, ich bin blind, aber ich bin auch Ehemann, Geschäftsführer, Politologe, Blogger, 42 Jahre alt, Thomas-Mann-Leser, HSV-Fan und, und, und. Und auch sind nicht alle blinden Menschen gleich: Die einen sind musikalisch, die anderen nicht, die einen machen allein Wanderurlaub auf einsamen Inseln, die anderen haben Schwierigkeiten, sich eigenständig in Gebäuden zu orientieren, die einen sind leidenschaftliche Blindenschriftnutzer, die anderen hören lieber ein Hörbuch. Insofern, werft uns nicht alle in einen Topf. Und vor allem respektiert es, wenn wir keine Hilfe annehmen. Wir können am besten entscheiden, wann wir Unterstützung brauchen und wann nicht.

Barrierefreiheit ist auch ein sehr großes Thema auf deinem Blog. Hier gibt es auf vielen Ebenen noch sehr viel zu tun in Deutschland. Was sind hier besonders wichtige Aspekte, die sich verändern müssen?

Hierzulande gibt es keine Pflicht zur Barrierefreiheit für die Privatwirtschaft, anders als zum Beispiel in Österreich oder den USA. Und das merkt man auch. Das muss sich unbedingt ändern. Und wir müssen endlich anfangen, Barrierefreiheit von Anfang an mitzudenken, schon bei der Ausschreibung und Planung. Außerdem ist Barrierefreiheit nicht nur etwas „für die Behinderten“, sondern hilft allen Menschen – man denke nur an Fahrstühle, von denen auch Menschen mit schwerem Gepäck oder mit einem Kinderwagen profitieren.

Du bist auch der Geschäftsführer des Hamburger Blinden- und Sehbehindertenverbands. Erzähle uns ein bisschen über die Arbeit und die Ziele des Vereins.

Wir unterstützen Menschen, die neu von einem Sehverlust betroffen sind. Bei uns erhalten sie eine umfangreiche Teilhabeberatung. Sie können in unserer Hilfsmittelausstellung verschiedene Produkte ausprobieren, die mehr Selbstständigkeit ermöglichen. Außerdem gibt es eine Sehhilfenberatung für Menschen, die nicht blind, sondern sehbehindert sind. Bei uns können sich Betroffene und Angehörige psychologisch beraten lassen. Wir bieten viele Angebote für Senioren. Wir betreiben ein Hotel für sehbehinderte und blinde Menschen in Timmendorfer Strand. Und wir sind die Interessenvertretung blinder und sehbehinderter Menschen und von Augenpatienten in Hamburg. Das heißt, wir machen gegenüber der Politik auf unsere Belange aufmerksam, zum Beispiel gerade im Zusammenhang mit der Überarbeitung des Hamburgischen Behindertengleichstellungsgesetzes.

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Wenn die Augen schwächer werden

Nicht immer ist es eine chronische Augenerkrankung, die zu einer Sehbehinderung führt. Häufig ist eine altersbedingte Kurz- oder Weitsichtigkeit dafür verantwortlich, die mit Brillen oder Kontaktlinsen ausgeglichen werden kann.

Viele Menschen brauchen mit den Jahren auch mehr Licht als früher und sind schneller geblendet. Mit der richtigen Beleuchtung sieht man mehr und reduziert gleichzeitig die Sturzgefahr.

Daneben gibt es viele einfache Dinge, die den Alltag mit Seheinschränkungen erleichtern. Größere Papierformate und Filzstifte eignen sich zum Beispiel besser für persönliche Notizen als Post-it-Blöcke und Kugelschreiber. Sein Adressbuch kann man sich am PC individuell gestalten, Briefe am Kopierer auf eine lesbare Schrift vergrößern. Navigations-, Vergrößerungs- oder Fahrplan-Apps auf Tablet und Smartphone bieten ebenfalls Unterstützung.

Ein weiterer Tipp sind starke Kontraste. So ist helles Geschirr auf einer dunklen Tischdecke oder auf Platzsets in kräftigen Farben besser zu erkennen. Schalterstellungen an Haushaltsgeräten können mit selbstklebenden, kontrastreichen und zusätzlich noch tastbaren Klebepunkten gekennzeichnet werden.

Bei stärkeren Seheinschränkungen kann man außerdem auf eine breite Palette von Hilfsmitteln zurückgreifen. Für den Nahbereich ist es vielleicht eine Lupenbrille. Diese besonders starken Lesebrillen erfordern einen sehr geringen Abstand zum Text. Das ist zwar gewöhnungsbedürftig, schadet den Augen aber nicht. Viele ältere Menschen benutzen lieber eine optische Lupe, oft mit eingebauter Lampe. Reicht sie nicht mehr, kommen elektronische Lupen oder Bildschirmlesegeräte infrage. Zusätzlich kann eine gute Arbeitsplatzbeleuchtung den Vergrößerungsbedarf senken. Wird das Lesen zu mühsam, gibt es Vorlesegeräte, Hörbücher und Geräte mit Sprachausgabe.
Im Freien schützen Schirmmützen, breitkrempige Hüte, Sonnenbrillen oder Spezialgläser vor Blendung. Straßenschilder oder Hausnummern kann man mit einem kleinen, kompakten Fernrohr, einem Monokular, wieder lesen.

Für weitere Informationen – von rechtlichen und finanziellen Fragen über Hilfsmittel und Schulungen bis hin zur Freizeitgestaltung – stehen unsere „Blickpunkt Auge“-Beratenden gern zur Verfügung. Darüber hinaus vermitteln sie auf Wunsch an Experten und ermöglichen den Austausch mit Gleichbetroffenen.

Information

Für weitere Informationen, auch zu rechtlichen und finanziellen Fragen, steht „Blickpunkt Auge“ gern zur Verfügung. Dieses kostenlose Beratungsangebot der Selbsthilfe vermittelt auch an Experten und ermöglicht den Austausch mit Gleichbetroffenen.
www.blickpunkt-auge.de
T (030)285 387-287 u. -183

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