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Der 19. Juni 2020 ist der „Tag des Cholesterins“ – ein Experteninterview

Foto: Explode via Shutterstock
Foto: Explode via Shutterstock

Ein hoher Cholesterinspiegel birgt gesundheitliche Risiken1. Nur wenige Menschen kennen jedoch ihren Cholesterinwert. Mit der bundesweiten Kampagne „Tag des Cholesterins“ enga-giert sich die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen DGFF (Lipid-Liga) e. V. dafür, das Bewusstsein für diesen unterschätzten Risikofaktor zu stärken. 

Dr. Anja Vogt

Stoffwechselambulanz, Klinikum der Universität München 

Prof. Dr. Oliver Weingärtner

Kardiologie Universitätsklinikum Jena

Cholesterin ist lebenswichtig. Ist der LDL-Cholesterin(LDL-C)-Spiegel im Blut aber dauerhaft zu hoch, drohen Gefäßschäden. Dadurch steigt das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden1. Im folgenden Interview beantworten Prof. Dr. Oliver Weingärtner (OW), Kardiologie Universitätsklinikum Jena, und Dr. Anja Vogt (AV), Stoffwechselambulanz, Klinikum der Universität München, Fragen zu diesem Thema.

Welche Rolle spielt ein gesunder Lebensstil, wenn man bereits LDL-C-senkende Medikamente einnimmt?

AV: Ein gesunder Lebensstil nützt immer etwas – unabhängig davon, ob man bereits eine Gefäßerkrankung hat und LDL-C-senkende Medikamente einnimmt oder ob es um die Prävention dieser Erkrankungen geht. Auch Menschen, die ein hohes genetisches Risiko für Gefäßerkrankungen haben, profitieren von einem gesunden Lebenswandel, also von Nikotinabstinenz, einer ausgewogenen Ernährung und körperlicher Bewegung.

OW: Rauchen ist ein unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der sich gut anhand der Pack Years (Packungsjahre) einschätzen lässt. Analog dazu hat sich der Begriff „Cholesterin-Lebensjahre“ etabliert, der beschreibt, wie viele Jahre die Gefäße durch einen hohen LDL-C-Wert belastet sind. Das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung hängt also auch davon ab, wie lange man eine hohe Cholesterinbürde trägt. Deshalb ist es wichtig, Betroffene früh zu identifizieren und Präventivmaßnahmen einzuleiten. Dazu gehört auch ein gesunder Lebensstil.

Wann ist das LDL-C aus medizinischer Sicht zu hoch?

AV: Ob der LDL-C-Wert zu hoch ist, muss der Arzt mit Blick auf das kardiovaskuläre Gesamtrisiko des Patienten im Einzelfall beurteilen. Der LDL-C-Zielwert wird individuell unter Berücksichtigung des Risikos festgelegt. Epidemiologische und klinische Studien zeigen, dass das Herz-Kreislauf-Risiko umso geringer ist, je niedriger der LDL-C-Wert ist.

OW: Die Leitlinie zum Management von Fettstoffwechselstörungen der Europäischen Fachgesellschaften für Kardiologie und Atherosklerose definiert vier Risikokategorien, die jeweils unterschiedliche LDL-C-Zielwerte erfordern. In die Beurteilung des Gesamtrisikos fließen auch Begleiterkrankungen, wie zum Beispiel Bluthochdruck oder Diabetes mellitus, mit ein. Das LDL-C ist eine Komponente davon.

Ab welchem Alter sollte man seine Blutfettwerte untersuchen lassen?

AV: Je früher, desto besser. Die DGFF (Lipid-Liga) empfiehlt, die Blutfette vor der Pubertät zu kontrollieren. Fallen erhöhte Werte auf, kann man Gefäßschäden durch eine Beratung und eventuelle Therapie gut vorbeugen. Liegt den hohen LDL-C-Werten eine genetische Veranlagung zugrunde, sollten auch die Angehörigen untersucht werden.

OW: Ab 18 Jahren zahlen die gesetzlichen Krankenkassen eine einmalige Gesundheitsuntersuchung inklusive der Blutfette. Weitere Kontrollen werden als Präventionsuntersuchung ab einem Alter von 35 Jahren im dreijährigen Rhythmus im Rahmen des „Check-up 35“ erstattet. Wenn ein höheres Risiko oder schon eine Folgekrankheit, wie eine Herzkrankheit oder Durchblutungsstörungen in den Beinen, vorliegt, werden die Werte öfter untersucht, um sicherzustellen, dass der Zielwert erreicht ist, oder um die Therapie anpassen zu können.

Welche Möglichkeiten der medikamentösen Therapie bei erhöhten LDL-C-Werten (Hypercholesterinämie) gibt es?

OW: Heute greift das Konzept einer Stufentherapie, die mit einem hochwirksamen Statin beginnt. Entgegen häufigen Darstellungen werden diese Medikamente sehr gut vertragen. Falls dieser Schritt nicht ausreicht, um den Zielwert zu erreichen, kann die Statindosis entweder erhöht und/oder mit Ezetimib kombiniert werden. Als dritte Stufe kommen PCSK9- Inhibitoren infrage, die eine zusätzliche LDL-C-Reduktion ermöglichen.

AV: Wenn eine familiäre Veranlagung für sehr hohe LDL-C-Werte vorliegt, führt mitunter auch die maximale Kombinationstherapie nicht zum Erfolg. Dann ist ein regelmäßiges Blutreinigungsverfahren erforderlich – die sogenannte Lipoprotein-
Apherese.

Wo finden Interessierte und Betroffene mit erhöhten LDL-C-Werten verlässliche Informationen zum Thema Cholesterin und Experten in ihrer Umgebung?

AV: Als Erstes sollte der Hausarzt kontaktiert werden. Auch Kardiologen und Angiologen sind gute Ansprechpartner. Zusätzlich gibt es auf der Internetpräsenz der Lipid-Liga (www.lipid-liga.de) eine deutschlandweite Übersicht von Spezialisten auf dem Gebiet der Fettstoffwechselstörungen.

OW: Patientenorganisationen wie die Deutsche Herzstiftung e. V. und CholCo (Cholesterin und Co) e. V. sind ebenfalls gute Anlaufstellen. Sie bieten Informationen und eine Plattform, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Möchten Sie noch eine abschließende Botschaft an die Leser richten?

OW: Aus aktuellem Anlass möchte ich darauf hinweisen, dass wir am Universitätsklinikum in Jena einen messbaren Rückgang an Patienten verzeichnen, die sich mit Verdacht auf einen Herzinfarkt vorstellen. Das ist sicherlich der aktuellen Covid-19-Situation geschuldet. Der Trend ist nur dadurch zu erklären, dass derzeit viele Patienten trotz akuter Herzbeschwerden aus Angst vor einer Infektion nicht zum Arzt gehen.

AV: Unser Appell an die Leserschaft lautet: Suchen Sie unbedingt ärztliche Hilfe, wenn Anzeichen einer ernsten Erkrankung  bestehen – insbesondere bei akuten Herzbeschwerden, wie zum Beispiel Schmerzen oder einem Engegefühl in der Brust, sollten Sie rasch die 112 wählen. Schieben Sie Kontrolltermine nicht auf die lange Bank und denken Sie an die Einnahme verordneter Medikamente. Laufende Therapien sollten keinesfalls eigenständig abgesetzt werden – die Hypercholesterinämie und Herz-Kreislauf-Erkrankungen machen wegen Covid-19 keine Pause!

1. Ference BA et al. Eur Heart J 2017;38:2459–2472. DE-REP-0520-00037

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