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Der doppelte Lebensretter

Ein Stoma ist eine Chance die Lebensqualität wieder herzustellen.Foto: kazuya goto/Shutterstock

Stoma? Ich? Nie im Leben!!! – Das waren meine Gedanken als ich, 24 jährig, gerade mit der Diagnose Morbus Crohn konfrontiert, von meiner Mutter in ein Krankenhaus geschickt wurde, in dem ein Infotag über CED stattfand.

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Anke Molnár

Morbus Crohn Patientin und Stoma-Trägerin

Im Foyer hatten lauter Versorger ihre Stoma Produkte ausgestellt. Ich war völlig entsetzt: ich hatte doch nur einen Crohn! Was wollten die von mir? Stoma war nur was für alte Leute, das hatte ich selbst erlebt während meines Praktikums im Krankenhaus 8 Jahre vorher. Die innere Station war voll mit alten Leuten mit stinkenden, schmierigen Beuteln am Bauch. Damit hatte ich absolut nichts zu tun!. Der folgende Vortrag beim Infotag belehrte mich eines Besseren. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet und auch nicht bereit es zu akzeptieren. Bei mir würde es niemals so weit kommen, ich hatte doch schließlich Medikamente, außerdem war ich in meinem ganzen Leben noch nie ernstlich krank gewesen.

16 Jahre und etliche Operationen wegen Fisteln und Abszessen später war es dann aber doch soweit: ein Darmverschluss. Im Krankenhaus versuchte man eine Darmspiegelung, kam aber nur ca. 5 cm weit, der Darm war so eng, dass nur noch eine Bleistiftmine durchgepasst hätte. Der Arzt teilte mir dann mit, dass nur noch eine radikale Operation helfen könnte: Dickdarm raus, alles Kaputte vom Dünndarm raus, künstlicher Ausgang. Das war ein Holzhammer, direkt auf meinen Kopf! Nachdem ich eine halbe Stunde geheult hatte, wollte ich nur noch wissen, wann es losgeht. Wir hatten inzwischen November und ich wollte Weihnachten zu Hause sein. Zuerst mussten allerdings die Analfisteln saniert werden, das bedeutete eine Riesenwunde am Allerwertesten, bei dem defekten Schließmuskel und dünnem Stuhl kein Spaß. Jedes Mal wenn ich zur Toilette musste, brannte es wie Feuer. Ich habe die Stunden gezählt bis endlich die richtige Stoma-OP kam.

Ich bin ein Steh-auf-Männchen und habe auch diese OP weggesteckt, wog allerdings nur noch 45 kg bei einer Größe von 1,72m. Das Essen im Krankenhaus war nichts für mich. Es kam, ich habe den Deckel aufgemacht, wieder zugemacht, fertig. Am 22. Dezember sagte der Stationsarzt, dass er mich entlassen muss, da ich im Krankenhaus nicht wieder auf die Füße komme. Ich durfte also nach Hause! Eine Sache hatte der Doktor jedoch noch. Der Pathologe hatte in meinem Dickdarm Krebs gefunden, der zwar schon gestreut hatte, aber dennoch komplett entfernt werden konnte. Bei meiner Grunderkrankung wäre der Krebs wahrscheinlich viel zu spät entdeckt worden. So wurde das Stoma im zweifachen Sinne mein Lebensretter.

Weihnachten ging es zu Schwiegereltern, dort gab es Ente mit Rotkohl und Kartoffeln, ich habe reingehauen wie verrückt und es ist mir gut bekommen.

Inzwischen sind wieder etliche Jahre vergangen und mein Stoma ist ein Teil von mir. Ich habe sooo viel mehr Lebensqualität. Ich gehe wieder – ohne nachzudenken, ob eine Toilette in Reichweite ist – ins Kino, ins Theater, einfach einkaufen, spazieren. Ich führe ein ganz normales Leben und viele Leute wissen bzw. merken von meinem Beutel gar nichts.

Ich bin absolut frei!

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