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Krebs

Aus dem Leben und zurück

Foto: Privat

Die Diagnose Blutkrebs riss Cedric Parsch von einem Moment auf den anderen aus der Normalität. Ein Gespräch mit ihm über unerträgliche Schmerzen, die erfolgreiche Therapie und sein Leben danach.

Die Ärzte haben bei Ihnen 2018 akute Promyelozytenleukämie diagnostiziert. Können Sie schildern, was in der Zeit der überraschenden Diagnose geschah?

Ich spielte mit Freunden Football und spürte plötzlich starke Hüftschmerzen. Außerdem entdeckte ich kleine Wunden unter der Haut. Damals habe ich das als nicht allzu bedrohlich wahrgenommen, war jedoch sehr erschöpft und ging dann nach zwei Tagen doch zur Hausärztin, weil inzwischen auch die Schmerzen unerträglich waren. Es war ein normaler Arztbesuch, meine Symptome wurden analysiert und Blut wurde abgenommen. Wieder zu Hause legte ich mich dann erschöpft auf die Couch – bis ein Anruf mich hochschrecken ließ. Es war die Ärztin, die mich bat, sofort in die Notaufnahme der Uniklinik Köln zu kommen, wo ich auch direkt aufgenommen wurde. Meine Blutwerte waren sehr schlecht und es wurden aufgrund meiner starken Schmerzen in der Hüfte zusätzlich Röntgenbilder gemacht, um die Hüfte zu untersuchen und einen Bruch auszuschließen. Bei einer Beckenkammpunktion entnahmen die Ärzte Knochenmark. Das ist, als wenn jemand in deinem Körper über eine Tafel kratzt. Das war ein sehr unangenehmes Gefühl aber ich habe dennoch nebenbei mit den Ärzten Witze gemacht, das half mir besser damit umgehen zu können. Kurze Zeit später teilte mir der Arzt dann die Diagnose mit: Blutkrebs.

Wie haben Sie darauf reagiert?

In dem Moment war ich natürlich sehr geschockt. Einer meiner ersten Gedanken war: „Okay, jetzt bist du auch einer von denen.“ Hoffnung gab mir, dass es bei meiner Erkrankung sehr gute Heilungschancen gibt. Als ich meinen Bruder anrief, bekam der einen Heulkrampf, während er gerade Auto fuhr. Das hat mir das Herz zerrissen. Meine Eltern, die zu dem Zeitpunkt noch Urlaub in der Schweiz machten, waren erschüttert und da sonst niemand direkt da war, der mich in dem Moment auffangen konnte, hat mich die Mutter eines Bettnachbarn getröstet.

Wie ging es dann mit Ihrer Therapie weiter?

Die Therapie musste sehr schnell beginnen, damit die Krankheit nicht weiter fortschreitet. Ich war schon viel zu lang mit schlechten Blutwerten herumgelaufen. In solchen Situationen können Betroffene an einer Kratzwunde verbluten oder einem Hirnschlag erliegen. In der Klinik blieb ich vier Wochen stationär, erhielt eine damals sehr innovative Arsentherapie und war dadurch nicht mehr auf eine klassische Chemotherapie angewiesen, die alle Zellen gleichermaßen angegriffen hätte. Man erklärte mir damals, dass Arsen in der richtigen Dosierung Krebszellen im Blut abtötet und bei meiner Form der Leukämie der herkömmlichen Chemotherapie über- legen ist. Danach gab es vier Zyklen à acht Wochen von Juni 2018 bis An- fang 2019, in denen ich verschiede- ne Medikamente bekam.


Cedric mit seinem Vater Holger Parsch im Krankenhaus
Foto: Privat, DKMS

Wie geht es Ihnen heute?

Ich gelte als so weit geheilt. Im Gegensatz zu anderen Patienten, die dringend einen Stammzellenspender suchen, konnte meine Leukämie, die ja viele unterschiedliche Formen hat, ohne Stammzellen be- handelt werden. Hier hatte ich wirklich Glück. Ich fange jetzt wieder an mein „Karmakonto“ aufzufüllen. Ich muss regelmäßig zu Kontrollterminen zum Onkologen, doch ob- wohl mein Körper noch immer unter schlechter Sauerstoffversorgung leidet, kann ich heute wieder Sport machen. Ich genieße Musik und unternehme viel mit Freunden. Nach zwei Semestern Pause kann ich mein BWL-Studium wieder aufnehmen. Ich führe also wieder ein gesundes, halbwegs normales Leben.

Wie haben Sie während und nach dieser Zeit Ihr Schicksal mental verarbeitet?

Als mich damals die Mutter meines Bettnachbarn tröstete, habe ich natürlich geweint. Ich finde wichtig, Emotionen herauszulassen. Irgend- wann habe ich mir aber gesagt, dass das ja nichts bringt. Ich dachte an meine Verwandten. Meine Erkrankung beeinflusste nun ebenfalls deren Leben. Schließlich litt ich nicht mal eben unter Schnupfen. Sehr geholfen hat mir das gesamte Personal im Krankenhaus, mit dem ich sehr gut ausgekommen bin, denn das sind eben auch Menschen wie du und ich. Wochen nach der Diagnose sagte eine Mitarbeiterin im Aufzug zu ihrem Kollegen: „Das ist der Patient, der bei der Punktion gelacht hat.“ Ich hatte während der Entnahme von Knochenmark Fotos und Witze gemacht wie „Das sieht ja ekelhaft aus“. Humor und Informationen halfen mir.

Welche Rolle spielt Ihre Erkrankung für Sie heute?

Ich habe durch die Behandlung große Risse am Bauch. Die sehen aus wie Dehnungsstreifen nach einer Schwangerschaft. Sie erinnern mich täglich daran. Ich wusste schon vorher, dass das Leben endlich ist. Aber dass man jeden Moment im Leben genießen muss, ist mir noch bewusster geworden. Mittlerweile engagiere ich mich ehrenamtlich im Bereich Blutspende und würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen für einen Organspendeausweis und DKMS Registrierung entscheiden. Wird man plötzlich vom Auto angefahren, ist der Tod umsonst gewesen. Aber die Organe des Verunglückten können das Leben eines anderen retten.

Über die DKMS

Für viele Blutkrebspatienten ist die einzige Überlebens- chance eine Stammzelltherapie.

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