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Krebs

Die Radiologie als Schnittstelle

Foto: Tushchakorn via Shutterstock

In der Radiologie werden nicht nur diagnostische Bilder erstellt. Insbesondere bei Tumorerkrankungen fungiert sie im gesamten Behandlungsverlauf als eine Art Schnittstelle.

Eine Krebserkrankung ist für alle Patienten und ihre Familien ein einschneidendes Ereignis. Nicht nur bei der Diagnosestellung, sondern auch im Verlauf der oft langwierigen Therapie geht der betroffene Patient immer wieder zum Radiologen, um sich untersuchen zu lassen. Aber auch die an der Diagnostik und Behandlung beteiligten Ärzte treffen sich regelmäßig zu Besprechungen in der Radiologie, um besonders wichtige Therapieentscheidungen gemeinsam zu fällen. Dabei berücksichtigen sie einerseits die Leitlinien nationaler und internationaler onkologischer Therapiestudien, andererseits aber auch die individuelle Situation eines jeden Patienten. Die Radiologie nimmt also eine Art Schlüsselstellung ein in der Diagnostik und Therapieüberwachung der meisten Tumorerkrankungen. Am Beispiel eines erkrankten Kindes soll hier die besondere Bedeutung der Radiologie auf dem Weg der Behandlung und angestrebten Heilung einer bösartigen Erkrankung veranschaulicht werden. Das Vorgehen bei Erwachsenen mit Tumorerkrankungen ist sehr ähnlich.

1. Erste Symptome

Der zweijährige Paul ist krank. Er hat starke Bauchschmerzen und mag nicht mehr essen. Sein Bauch ist in letzter Zeit sehr dick geworden. Sein Kinderarzt tastet auf der linken Seite eine harte Schwellung, die ihn an einen Tumor denken lässt. Deshalb hat er den Jungen in die Kinderklinik eingewiesen. Dort angekommen, wird Paul nach einer erneuten körperlichen Untersuchung mit seinen Eltern zur Sonografie in die Kinderradiologie geschickt.

2. Verdachtsdiagnose

Die Ultraschalluntersuchung des Bauches zeigt tatsächlich einen großen Tumor. Die erfahrene Kinderradiologin prüft wichtige sonografische Unterscheidungskriterien und stellt die Verdachtsdiagnose eines Neuroblastoms. Das ist ein bösartiger Tumor, der von der Nebenniere beziehungsweise sogenannten sympathischen Nervenzellen ausgeht und typischerweise bei Kleinkindern auftritt. Weitere Untersuchungen von Blut und Urin erhärten am nächsten Tag den Verdacht. 

3. Sicherung der Diagnose

Für die Wahl einer optimalen Therapie brauchen die Kinderonkologen aber noch weitere Informationen über die genaue Art des Neuroblastoms. Auch müssen sie wissen, wie weit sich der Tumor in Pauls Körper ausgebreitet hat. Die Ärzte besprechen die Situation ausführlich mit den Eltern und planen für den folgenden Tag eine Magnetresonanztomografie (MRT) in Narkose, da Paul mit seinen zwei Jahren sonst nicht so lange still liegen könnte. Mittels MRT können die Radiologen sowohl den Tumor sehr genau dreidimensional abbilden und analysieren als auch den ganzen Körper nach Tochtergeschwülsten (Metastasen) absuchen. In der gleichen Narkose werden weitere kleine Eingriffe durchgeführt, sodass Paul unnötige Schmerzen und Ängste erspart bleiben. Zu diesen Eingriffen gehört auch die wichtige Entnahme von Tumorgewebe, die die Radiologin sonografiegesteuert durchführt.

4. Gewebeentnahme 

Die Gewebeentnahme erfolgt über einen winzigen Hautschnitt mit einer speziellen Nadel. Wenn man die Nadel über den Hautschnitt in den Körper und in den Tumor einführt, kann man sie im Ultraschallbild gut als hellen Strich erkennen und damit ihre Richtung genau steuern. So wird die Verletzung wichtiger Organe, Nerven und Blutgefäße vermieden.

5. Histologie 

Mehrere kleine rötliche Gewebszylinder werden aus dem Tumor entnommen. Obwohl das Gewebe zur Histologie, also der Untersuchung von Gewebeproben, in verschiedene Speziallabors und pathologische Institute geschickt werden muss, reicht für die Spezialisten meist eine kleine Menge aus, um die Diagnose zu stellen und die genaue Art des Neuroblastoms zu bestimmen.

6. Weitere Untersuchungen

Paul muss noch weitere Untersuchungen über sich ergehen lassen. Dazu gehört auch eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs. Ganz besonders wichtig ist eine Untersuchung in der Nuklearmedizin in Form eines MIBG-Szintigramms. Mit dieser Untersuchung wird noch einmal Pauls gesamter Körper auf Metastasen untersucht. Untersuchungen mit ionisierender Strahlung sind also bei dieser Erkrankung sehr wichtig. Moderne Geräte helfen, die Strahlenbelastung möglichst gering zu halten. 

7. Tumor Konferenz

Eine Woche später treffen sich die Kinderradiologen, Kinderonkologen, Pathologen und Nuklearmediziner in einer Tumorkonferenz, um zum ersten Mal alle Ergebnisse zusammenzutragen. Auch die Kinderchirurgen und Strahlentherapeuten, die später an Pauls Behandlung beteiligt sein werden, sind dabei. Parallel haben Ärzte der nationalen Therapieoptimierungsstudie die Befunde ebenfalls beurteilt – auch die Ergebnisse dieser Referenzbegutachtung liegen bereits vor. Die Radiologin erklärt in der Konferenz allen die Bilder mit den wichtigsten Befunden. Mithilfe von Therapieleitlinien stufen die Kinderonkologen Pauls Erkrankung in die Hochrisikogruppe ein, das heißt, die Familie muss mit einer Therapiedauer von mehr als einem Jahr rechnen.

8. Chemotherapie

Nach einigen Wochen Chemotherapie stellen die Radiologen mittels MRT fest, dass der Tumor bereits sehr viel kleiner geworden ist. In der Tumorkonferenz wird eine Fortsetzung der Therapie nach Plan beschlossen. Paul muss eine viele Monate dauernde Chemotherapie, eine große Operation, eine Bestrahlung und auch eine Stammzelltransplantation über sich ergehen lassen. In genau festgelegten Abständen wird der Erfolg der Therapie immer wieder in der Kinderradiologie vor allem mittels Sonografie und MRT überprüft. Untersuchungen bei den Kollegen der Nuklearmedizin gehören ab und zu auch dazu. Bei Komplikationen wie Lungen- oder Darmentzündungen, die während der Therapie auftreten können, sind die Kinderradiologen ebenfalls gefragt. Die Ergebnisse stellt die Radiologin jeweils in den regelmäßig stattfindenden Tumorkonferenzen allen an der Behandlung beteiligten Ärzten vor.

9. Nachsorge 

Auch nach überstandener Therapie muss Paul sich über mehrere Jahre in festgelegten Abständen in der Kinderradiologie untersuchen lassen, damit ein Wiederauftreten des Tumors oder Nebenwirkungen der Therapie frühzeitig erkannt werden können.

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