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    Elektrische Wechselfelder gegen das Tumorwachstum

    Foto: Gorodenkoff via Shutterstock

    Prof. Dr. Martin Glas, Leiter der Abteilung Klinische Neuroonkologie, Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen, erläutert den Forschungsstand – und wie Hirntumorzellen mit elektrischen Wechselfeldern (Tumortherapiefeldern) bekämpft werden.

    Prof. Dr. med. Martin Glas

    Facharzt für Neurologie, Leiter Abteilung Klinische Neuroonkologie, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Essen

    Sie setzen bei der Behandlung von Glioblastomen auch ein relativ neues Mittel in der Krebstherapie ein: Tumortherapiefelder. Wie funktioniert das?

    Dahinter steckt die Beobachtung, dass elektrische Felder, deren Plus- und Minuspol sich laufend und hochfrequent ändern, die schnelle Teilung von Tumorzellen stören können. 

    Was genau bewirken die Tumortherapiefelder?

    Die Teilung von gesunden Zellen, ebenso wie von Krebszellen, läuft sehr organisiert und choreografiert ab. Dieser Vorgang wird erst durch den sogenannten Spindelapparat möglich. Dieser ist im weitesten Sinne aus mikroskopisch feinen Fasern zusammengesetzt, die wiederum unter anderem aus Einzelbestandteilen mit einem Plus- und einem Minuspol bestehen. Dieser Apparat ist dabei behilflich, dass sich das Erbmaterial, die Chromosomen, bei der Teilung einer Zelle symmetrisch auf die beiden entstehenden Tochterzellen verteilen. Diese Zellteilungschoreografie wird durch die schnell wechselnden elektrischen Felder behindert. Die Zellteilung erfolgt dann verzögert oder kann ganz zum Stillstand kommen, was wiederum zum Zelltod führen kann. Dies wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Versuchen nachgewiesen. 

     Wie wird behandelt?

    Die Behandlung erfolgt mithilfe eines kleinen tragbaren Geräts und Keramikgelpads, die auf dem Kopf appliziert werden. Patienten sollten diese Pads möglichst kontinuierlich tragen, da wir mittlerweile viele Hinweise haben, dass eine längere Tragedauer zu einer besseren Wirkung führen kann. Tumortherapiefelder kommen aktuell nach Operation und Strahlenchemotherapie im Rahmen der so genannten Erhaltungstherapie zum Einsatz. Wir sind allerdings im Rahmen einer unserer Studien gerade schon dabei, die Therapie mit Tumortherapiefeldern schon vor der Strahlenchemotherapie zu beginnen, in der Hoffnung, die Wirkung so verbessern zu können.  

    Ist der Einsatz der Tumortherapiefelder nicht schmerzhaft?

    Nein. Patienten beschreiben manchmal ein leichtes Wärmegefühl, können die Therapie aber in der Regel in den Alltag integrieren. Das lässt sich allerdings nicht für jeden Patienten voraussagen, sodass wir unseren Patienten bei gegebener Therapieindikation immer einen Therapieversuch empfehlen. Allerdings ist diese Therapie, wie viele andere auch, nicht für jeden Patienten geeignet. Wichtig ist darüber hinaus auch, dass durch die gewählte Frequenz und Intensität keine Nervenzellen gereizt werden. 

     Wie bewerten Sie die Ergebnisse Ihrer Behandlungen? 

    In der durchgeführten internationalen Studie und auch bei den von uns behandelten Patienten zeigt sich, dass die Hinzunahme von Tumortherapiefeldern zur Standardtherapie dazu beitragen kann, die Überlebenszeit zu verlängern und vor allem auch die Überlebensraten von Patienten zu erhöhen. Das Glioblastom, der bösartigste Hirntumor überhaupt, bleibt allerdings mit allen derzeit verfügbaren Therapien trotz aller vielversprechenden Fortschritte weiter nicht heilbar. Umso wichtiger ist es, dass wir stetig versuchen unsere Therapie durch kontinuierliche Forschung zu verbessern, und hier natürlich auch neue Studien zu Tumortherapiefeldern durchführen.


    Das Glioblastom, ein bösartiger Hirntumor

    • Die Anzahl an Neuerkrankungen pro Jahr beträgt etwa drei pro 100.000 Menschen. Das ist verglichen mit vielen anderen Tumorerkrankungen eine eher niedrige Zahl. Dennoch stellt das Glioblastom den häufigsten aggressiven hirneigenen Tumor bei Erwachsenen dar.
    • Glioblastome treten etwas häufiger bei Männern als bei Frauen auf (im Verhältnis 1,6 zu 1). 
    • Das Erkrankungsalter liegt meist zwischen 55 und 65 Jahren, die Krankheit kann aber auch ältere oder jüngere Menschen betreffen.
    • Die Zellen eines Glioblastoms teilen sich sehr rasch, es kann zu einem schnellen und aggressiven Wachstum kommen.
    • Das Wachstum ist diffus und infiltrativ, das heißt,  die Tumorzellen wachsen in das gesunde Gehirngewebe unkontrolliert hinein. 
    • Ursachen oder Risikofaktoren für die Entstehung von Glioblastomen sind nicht ausreichend bekannt. 
    • Eine Erkrankung kann durch unterschiedliche neurologische Beschwerden auffällig werden, je nachdem an welcher Stelle sich der Tumor im Gehirn befindet. Häufig sind dies aus völliger Gesundheit heraus plötzliche epileptische Anfälle oder Kopfschmerzen, aber auch Lähmungen, Gefühlsstörungen, Sehstörungen, Sprachstörungen, Schwindel, Gedächtnisstörungen oder Veränderungen der Persönlichkeit.
    • Glioblastome werden zunächst operiert und anschließend mit einer Kombination aus mehreren Therapieformen, darunter Bestrahlung und Chemotherapie, behandelt. Dennoch ist die Erkrankung bislang leider nicht heilbar. 
    • In den letzten Jahren ist es aber durch intensive Forschung gelungen, den Krankheitsverlauf deutlich positiv zu beeinflussen.

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