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Genomik und Digitalisierung in der Krebstherapie

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Professor Dr. med. Jürgen Wolf ist Ärztlicher Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie am Universitätsklinikum Köln und Sprecher des nationalen Netzwerks Genomische Medizin. Im Interview spricht er über die Entwicklungen in Genomik und Digitalisierung und warum diese, synergistisch angewendet, die Krebstherapie enorm verbessern können.

Prof. Dr. med. Jürgen Wolf

Ärztlicher Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie am Universitätsklinikum Köln und Sprecher des nationalen Netzwerks Genomische Medizin

Das Thema der personalisierten Krebstherapie schwebt nun seit einigen Jahr im Raum. Wie aber ist das Thema der Personalisierung zu sehen, wenn es um die Diagnostik geht? Lassen sich die zwei Bereiche getrennt voneinander betrachten?

Nein, Diagnostik und Therapie gehören hier ganz eng zusammen. Personalisierte Medizin bedeutet nach unserem Verständnis, dass vor der Therapieentscheidung eine molekulare Analyse des Tumors erfolgt, um zu verstehen,  von welchen genetischen Veränderung das Wachstum des Tumors abhängt und ob diese therapeutisch angehbar sind. Dann, aufgrund dieser Untersuchung, wird entschieden, welche Therapie die richtige ist.

Warum spielt die molekulare Diagnostik eine immer wichtigere Rolle auch in der Therapiefindung?

Das hängt mit der Entwicklung der letzten 20 Jahre zusammen. Im Jahr 2000 war das erste menschliche Genom entschlüsselt. Seitdem hat sich die Technologie zur Genomsequenzierung eindrucksvoll und  dynamisch weiterentwickelt. Hierdurch sind wir zunehmend in der Lage, Unterschiede zwischen normalen und malignen Zellen auf der genomischen Ebene zu verstehen. So konnten auch die sogenannten Treibermutationen identifiziert werden, also spezifische Veränderungen im Tumor, die für sein bösartiges Verhalten verantwortlich sind und so aber auch – quasi als Achillesverse des Tumors – einer therapeutischen Behandlung besonders gut zugänglich. Immer mehr haben wir auch gelernt, dass die klassischen Tumorerkrankungen wie z.B. Lungen-, Brust und Darmkrebs keine einheitlichen Erkrankungen sind, sondern in eine Vielzahl molekularer Subgruppen eingeteilt werden können.

Wie viele Patienten profitieren bereits von den neuen diagnostischen Möglichkeiten und personalisierten Therapien?

Es ist eine sehr dynamische Entwicklung. Ich würde von derzeit 20 bis 30 Prozent ausgehen.

Worin sehen Sie die Gründe dafür, dass wir im europäischen Vergleich der molekularen Testungen hinterherhinken?

Das sollte differenziert betrachtet werden. Wenn man ganz Europa betrachtet, sind wir in Deutschland in Bezug auf die Umsetzung personalisierter Krebstherapien ganz gut aufgestellt. Wir verfügen über ein leistungsstarkes Gesundheitssystem und es gibt genügend forschungsstarke Zentren. Große Verbesserungen sind jedoch beim Innovationstransfer möglich, hier sind wir eindeutig zu langsam. Ein Grund ist sicher unser sehr dezentrales und Sektoren-getrenntes Gesundheitssystem. Krebspatienten werden in über 1500 Krankenhäusern und über 700 Praxen behandelt. Die Einführung molekular gesteuerter Therapien in die Praxis erfordert die Durchführung einer komplexen Diagnostik, bei der modernste Gensequenzierungsverfahren bereits vor der Therapie eingesetzt werden und Expertise im Umgang mit den neuen Medikamenten. Das ist einfach nicht mehr überall und gleichzeitig möglich. Deshalb plädieren wir ja auch für eine neue, intelligente Arbeitsteilung zwischen forschungsnahen spezialisierten Zentren und Versorgern in der Breite.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Zusammenschluss des nationalen Netzwerks Genomische Medizin (nNGM) Lungenkrebs?

Wir haben vor 8 Jahren mit dem Kölner Netzwerk Genomische Medizin damit begonnen, für alle interessierten Partner, Krankenhäuser und niedergelassene Onkologen, für Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs eine breite molekulare Testung, eine Empfehlung zur Therapie, ein Angebot an klinischen Studien für möglichst alle Treibermutationen und eine zentrale Evaluation anzubieten. Die Behandlung selbst konnte dann bei der überwiegenden Mehrheit der Patienten heimatnah erfolgen. Schon 2 Jahre später konnten wir z.T. jahrelange Überlebensvorteile für die personalisierte Therapie nachweisen, ein Grund für die führenden Krankenkassen, diese Leistung im Rahmen eines integrierten Versorgungsvertrags zu übernehmen. Als das Netzwerk sehr schnell wuchs und wir mit ca. 5000 Patienten jährlich eine der größten Zentren für molekulare Diagnostik dieser Art europaweit aufgebaut hatten, wollten wir das Modell als nächsten Schritt deutschlandweit ausdehnen. So wurde, mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe und der Krankenkassen, aus dem Kölner Netzwerk das nationale Netzwerk Genomische Medizin (nNGM). Hier findet die molekulare Testung, Therapieempfehlung und Evaluation aktuell in 17 Zentren deutschlandweit harmonisiert statt, auch hier kann für die meisten Patienten die Behandlung heimatnah bei den regionalen Netzwerkpartnern erfolgen. Wir glauben, so ein Modell für die Implementierung personalisierter Krebsmedizin in Deutschland aufzubauen, das auch für die anderen Krebserkrankungen genutzt werden kann. Neben der Erreichung möglichst aller Patienten mit fortgeschrittener Lungenkrebserkrankung ist unser nächstes Ziel eine enge digitale Vernetzung mit den regionalen Netzwerkpartnern und den Patienten selbst, um die Therapie über den gesamten Krankheitsverlauf verfolgen und damit auch steuern zu können. 

Sie möchten mehr erfahren?

Weitere Informationen finden Sie unter www.nngm.de

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