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Stoffwechsel

Warum chronische Krankheiten viel ganzheitlicher betrachtet werden müssen

Foto: Shutterstock, 2699550133

Vanessa Blumhagen (@vanessa.blumhagen) setzt sich seit Jahren für mehr Aufklärung über Hashimoto und hormonelle Gesundheit ein. Im Interview spricht die Journalistin und Autorin über Fehldiagnosen, Ernährung und die Folgen chronischer Erschöpfung.


Vanessa Blumhagen

Journalistin, Autorin und Hashimoto-Expertin

Sie sagen oft, dass Hashimoto den ganzen Körper betrifft. Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass viele Ängste oder Stimmungsschwankungen körperliche Ursachen hatten – und nicht einfach „Sie selbst“ waren?

Das war mir relativ schnell klar, weil ich eigentlich überhaupt kein ängstlicher Mensch bin. Während meiner jahrelangen Suche nach einer Diagnose wurden mir immer wieder Antidepressiva oder Psychopharmaka verschrieben. Ich habe damals schon gespürt: Mit meinem Körper stimmt etwas nicht – und deshalb leidet auch meine Psyche. Heute wissen wir, wie eng Hormone, Darm und Gehirn zusammenarbeiten. Gerade hormonelle Veränderungen können enorme Auswirkungen auf Stimmung, Stressresistenz und Antrieb haben. Deshalb sollte man bei psychischen Beschwerden immer auch körperliche Ursachen wie Hormone oder Darmgesundheit mit betrachten – besonders bei Frauen, aber auch bei Männern.

Viele Betroffene funktionieren jahrelang weiter, obwohl ihr Körper längst Alarm schlägt. Glauben Sie, dass gerade Frauen gelernt haben, chronische Erschöpfung zu normalisieren?

Frauen lernen oft schon früh, ihre eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Viele erklären sich ihre Erschöpfung mit Stress, Schlafmangel oder einem vollen Alltag – statt ernst zu nehmen, dass der Körper längst Warnsignale sendet. Gerade bei Hashimoto führt das häufig dazu, dass Beschwerden heruntergespielt werden und Betroffene viel zu spät Hilfe suchen. Hinzu kommt, dass viele Frauen von Ärzten nicht ernst genommen werden. Aussagen wie „Machen Sie mal Urlaub“ oder „Das ist nur Stress“ führen dazu, dass Betroffene irgendwann selbst anfangen, an ihrer Wahrnehmung zu zweifeln. Das verlängert den Weg zurück zum Wohlbefinden oft unnötig.

Hashimoto ist eine unsichtbare Erkrankung – und trotzdem verändert sie das Leben vieler Betroffener massiv.

Oft geht es bei Hashimoto nur um Laborwerte. Warum wird Ihrer Meinung nach viel zu selten über Themen wie Ernährung oder Supplements gesprochen?

Viele Patientinnen bekommen nach der Diagnose lediglich ein Rezept für Schilddrüsenhormone – ohne umfassende Aufklärung. Dabei reicht es eben nicht, einfach „eine Tablette am Morgen“ zu nehmen. Ernährung, Mikronährstoffe und eine genaue Diagnostik spielen bei Hashimoto eine entscheidende Rolle. Problematisch ist außerdem, dass häufig nur der TSH-Wert kontrolliert wird, obwohl dieser allein wenig über die tatsächliche Schilddrüsenfunktion aussagt. Gleichzeitig werden Themen wie Gluten, Milchprodukte oder Nährstoffmängel oft unterschätzt. Gerade Eisen, Selen, Vitamin D3 oder Zink sind jedoch essenziell für den Körper und die Schilddrüse. Viele Beschwerden wie Müdigkeit, Schwindel oder Haarausfall hängen auch mit solchen Mängeln zusammen. Für mich wird in der Medizin viel zu selten das große Ganze betrachtet.

Sie haben Ihre Ärzteodyssee einmal als sehr einsam beschrieben. Was macht eine chronische Erkrankung langfristig mit dem Vertrauen in den eigenen Körper?

Eine jahrelange Suche nach Antworten kann das Vertrauen in den eigenen Körper massiv erschüttern. Wenn man immer wieder hört: „Da ist nichts“ oder „Stellen Sie sich nicht so an“, obwohl man spürt, dass etwas nicht stimmt, verliert man irgendwann auch ein Stück Sicherheit im Leben. Besonders schlimm ist es rückblickend festzustellen, dass die Hinweise eigentlich längst sichtbar waren – nur niemand sie richtig eingeordnet hat. Das hinterlässt Spuren.

Was muss sich Ihrer Meinung nach in unserem Gesundheitssystem ändern?

Wir erleben heute immer mehr chronische Erkrankungen – doch unser Gesundheitssystem behandelt häufig nur Symptome statt Ursachen. Statt sich Ernährung, Stress, Lebensstil oder Mikronährstoffmängel genauer anzuschauen, wird oft einfach ein Medikament verschrieben. Gerade bei Erkrankungen wie Hashimoto müsste viel stärker ganzheitlich gearbeitet werden. Denn viele Beschwerden hängen zusammen und ziehen weitere Probleme nach sich. Solange die Medizin hauptsächlich „deckelt“, statt Ursachen zu behandeln, wird die Zahl chronisch Erkrankter weiter steigen.

Viele Menschen mit Hashimoto oder anderen unsichtbaren Krankheiten fühlen sich „nicht krank genug“ für Verständnis, aber gleichzeitig zu erschöpft für einen normalen Alltag. Was würden Sie jemanden, der gerade erst die Diagnose einer Chronischen Erkrankung erhalten hat, raten?

Hashimoto ist eine unsichtbare Erkrankung – und trotzdem verändert sie das Leben vieler Betroffener massiv. Gerade in einer leistungsorientierten Gesellschaft fällt es schwer, sich einzugestehen, dass man nicht mehr so funktioniert wie früher. Mein wichtigster Rat wäre deshalb: Die Erkrankung ernst nehmen und sich informieren. Heute gibt es Bücher, Experten und viele Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden. Entscheidend ist, die Diagnose nicht als Endpunkt zu sehen, sondern als Ausgangspunkt, etwas zu verändern. Mir persönlich hat immer geholfen, nicht in der Opferrolle zu bleiben, sondern Schritt für Schritt nach Lösungen zu suchen.

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