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Krankheitsbilder

„Wir müssen Menschen mit chronischen Erkrankungen eine Stimme geben“

Fotos: Privat

Lea ist 25 und führt ein Leben mit Diabetes und Asthma. Im Interview spricht sie offen über die Herausforderungen des Alltags, Vorurteile, die es aufzuklären gibt und den Rat, den sie anderen Patienten gerne mit an die Hand geben möchte. 

Lea Raak

Diabetes Bloggerin

Lea, in welchen drei Wörtern würdest du das Leben mit chronischen Erkrankungen beschreiben?

Intensiv, diszipliniert, aufwendig.

Wo gestalten sich für dich die größten Herausforderungen im Alltag?

Ich muss jeden Tag viele kleine Entscheidungen treffen, die Auswirkungen auf meine gesundheitliche Verfassung haben. Es geht immer darum, meine Blutzuckerwerte im Zielbereich zu halten, damit ich mich gut und gesund fühle. Es gibt täglich kleine Situationen, in denen ich eingeschränkter bin als Menschen ohne chronische Erkrankungen. Zum Beispiel, wenn ich eigentlich für die Uni lernen wollte, aber ich mich aufgrund blutzuckerbedingter Kopfschmerzen nicht konzentrieren kann. Oder wenn ich eine Radtour machen möchte, aber vorher genau schauen muss, wie viel Insulin noch in meinem Körper aktiv ist, um nicht während der Fahrt zu unterzuckern. Oder wenn ich mal wieder die halbe Nacht wach war, um Unterzuckerungen zu bekämpfen, während meine Kommilitonen aus der Uni selig geschlummert haben. Gerade jetzt in der Corona-Zeit ist der Unterschied noch mal deutlicher geworden: Ich muss viel vorsichtiger sein als die meisten Menschen in meinem Umfeld, da das Virus viel drastischere Auswirkungen auf mich haben kann.

Gibt es bestimmte Vorurteile, die dich nerven oder über die du mehr Aufklärung leisten möchtest?

Es gibt die gängigen nervigen Vorurteile, dass Diabetes dadurch entsteht, dass zu viel Süßes gegessen wurde. Das ist weder bei Typ-1- noch bei Typ-2-Diabetes der Fall. Es ist nicht meine Schuld, dass ich Diabetes bekommen habe, ich hätte es nicht verhindern können. Auch jetzt muss ich auf nichts verzichten. Ich kann und darf alles essen, was ich möchte – solange ich die richtige Menge an Insulin dafür abgebe!

Was mich tatsächlich aber mehr belastet, ist, dass Menschen mir meine Erkrankung nicht ansehen können, außer vielleicht durch meine Insulinpumpe oder meinen Sensor. Natürlich ist das erst mal eine gute Sache. Allerdings kriege ich öfter zu hören, ich sähe ja gar nicht krank aus und ich solle mich nicht so anstellen. Es ist schwierig, Menschen klarzumachen, dass es eben Situationen gibt, in denen ich eingeschränkter bin, die Erkrankung mich belastet und in denen ich mich nicht gut fühle und nicht das Haus verlassen möchte, es aber andererseits schaffe, allein um die halbe Welt zu reisen.

Welchen Rat möchtest du gerne teilen, um anderen Patienten Mut zu machen?

Ich bekam die Diagnose Diabetes während eines Schüleraustauschs in den USA. Leider wurde ich anfangs falsch behandelt und bekam gleich noch zwei Diagnosen mit dazu: Angststörungen und Depressionen. Es war sehr hart für mich. Die Diagnose hat mein Leben natürlich komplett auf den Kopf gestellt. Alles war anders. Es war ein langer Kampf, aber ich habe mich dadurch zu dem Menschen entwickelt, der ich heute bin und immer sein wollte. Es hat mir so früh gezeigt, was im Leben wirklich wichtig ist und ich bin dankbar dafür.

Ich möchte chronische Erkrankungen damit auf keinen Fall schönreden, aber mir hat es geholfen, die Erkrankungen anzunehmen und zu akzeptieren. Ich habe mich dadurch entwickelt und viele einmalige Chancen bekommen sowie liebe Menschen kennengelernt, die ich nicht mehr in meinem Leben missen möchte. Seid offen dafür, dass eine Erkrankung nicht immer nur etwas Negatives mit sich bringt. 

Sie möchten mehr über Lea erfahren?

Verfolgen Sie ihren inspirierenden Weg auf Ihrem Blog www.insulea.de und auf Instagram unter @insulea

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