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MIND YOUR HEAD!

Isolation und Leid

Foto: Privat

Tina Meffert ist Initiatorin der #Mutmachleute und spricht im Interview über die Psyche in der Krise und darüber, wie Geschichten helfen können.

Wie kann Ihr Verein in der aktuellen Zeit Betroffenen und Angehörigen helfen, obwohl körperlicher Kontakt oder reale Treffen nicht möglich sind?

Unsere Öffentlichkeitsarbeit richtet sich nicht nur an die Betroffenen und Angehörigen, sondern im Zuge unserer Absicht, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren, an eine breite Öffentlichkeit. Durch die Beiträge, die Menschen bei #Mutmachleute veröffentlichen, machen sie anderen Mut – Betroffenen, Angehörigen, aber auch nicht Betroffenen. In den Beiträgen, die uns geschickt werden, kann man stets feststellen, dass sie so viele bereichernde Aspekte beinhalten: Wie man sich Herausforderungen stellen und psychischen Krisen begegnen kann, welche Ressourcen entdeckt werden können –  nicht nur für Betroffene sind die Artikel bereichernd, sondern eben auch für nicht Betroffene.  Meiner Meinung nach stellen die Artikel wunderbare Schätze dar, die anderen helfen, sie inspirieren und eben Mut machen können.

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Gibt es bestimmte Alarmzeichen, wodurch Angehörige bemerken können, dass ihre Liebsten psychische Probleme haben?

Natürlich ist dies von Mensch zu Mensch unterschiedlich, abhängig von der eigenen Geschichte, der Persönlichkeit, dem Umfeld und Erkrankungsbild. Ich denke, dass sehr viele Angehörige merken, wenn sich jemand verändert – oftmals ziehen sich Betroffene zurück, wirken verunsichert, niedergeschlagen, aber auch aggressiv. Jeder Mensch reagiert eben anders auf und in Krisen. Gefährlich wird es, wenn die Angehörigen nicht bemerken, wenn sich eine schwere Krise anbahnt und im schlimmsten Fall Suizidalität besteht. Auch hier habe ich Fälle erlebt, die ich trotz meiner Sensibilität und Vertrautheit mit psychisch instabilen und/oder kranken Menschen nichts bemerkt habe. Nicht immer gibt es wahrnehmbare Anzeichen, wie wir sie z. B. von Personen des öffentlichen Lebens kennen. Das ist sehr, sehr tragisch und macht mich immer wieder fassungslos. Es bestärkt mich aber auch immer wieder, mit unserer Arbeit auf die Themen aufmerksam zu machen und die Gesellschaft zu sensibilisieren. Wir müssen über psychische Erkrankungen und Krisen sprechen können! Nur wenn wir dies tun, können wir auch unseren Nächsten helfen. 

Wie können Angehörige in der aktuellen Zeit Betroffenen bestmöglich zur Seite stehen?

Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse und Wünsche in Beziehungen. Daher sollten diese bestenfalls klar kommuniziert werden. „Was brauche ich jetzt von dir? Was wünsche ich mir von dir? Was möchte ich eben auch mal nicht?“ Ich denke, dass hier jede(r) mit den Angehörigen sprechen sollte, sofern dies möglich ist. 

Es ist wunderbar, wenn Angehörige die Sorgen und Nöte ernst- und wahrnehmen und auf die individuellen Bedürfnisse eingehen. Es ist nicht immer einfach und stellt sie oft vor große Herausforderungen. Ich persönlich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass beide Seiten voneinander lernen können, wenn sie aufeinander Rücksicht nehmen. Als Betroffene lerne ich die Perspektive meiner Angehörigen kennen, wenn ich offen sprechen kann – und andersherum. Zu hohe Erwartungen stellen, Ignoranz oder Druck machen – all das bringt beiden Seiten nichts. Sich gegenseitig Mut machen, miteinander sprechen: Das ist das Wichtigste überhaupt!

Welche Langzeitfolgen erwarten Sie?

Ich hoffe nicht, dass sich vor allem für die Betroffenen die Lage verschlimmern und zuspitzen wird. Aber viele haben durch die Isolation während der Kontaktbeschränkungen gelitten, wurden entlassen oder haben immer noch Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die nicht einzuschätzende Perspektive der beruflichen und damit existenziellen Zukunft ist schon für Nichtbetroffene eine immense Belastung. Wie viel mehr leiden psychisch Erkrankte! Ich denke, dass eine Unsicherheit bleiben wird, die viele Fragen aufwirft: „Was passiert mit mir, wenn dieser Fall noch einmal eintritt? Wie kann ich dann meinen Ängsten, Sorgen, Depressionen etc. besser entgegenwirken? Habe ich dazu die Kraft und die Mittel? Kann ich dann meine Freunde nicht mehr sehen, meine Familie, meine Großeltern im Pflegeheim besuchen? Was, wenn im nächsten Jahr eine neue Pandemie kommt, ein neues Virus? Wie lange halte ich das aus?“ Wenn Menschen das Gefühl haben, auf die Dinge keinen Einfluss und keine Kontrolle zu haben, dass ihnen wenig Handlungsspielraum bleibt, ihre Fragen unbeantwortet bleiben und sie sich abgehängt fühlen, entstehen daraus mitunter verheerende Folgen.

Auch hier gilt wieder einmal: Es ist so wichtig, sich Mut machen lassen zu können – und anderen Mut zuzusprechen! Es ist so wichtig zu wissen, dass man aufgefangen wird, dass es jemanden gibt, an den man sich wenden kann. Es ist so wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen, auf welche Art und Weise auch immer. Dann können wir mithelfen, dass psychisch erkrankte Menschen Stabilität erfahren und die emotionale Sicherheit, die sie benötigen. Dies wünsche ich allen, betroffenen wie nicht betroffenen Menschen!

Sie möchten mehr erfahren?

Weitere Informationen finden Sie unter www.mutmachleute.de 

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Gesundheit beginnt im Kopf – auch bei ADHS-Verdacht

Unzählige Erwachsene haben ADHS – und wissen es nicht. Sie merken nur ständigen Stress im Leben: Dinge suchen, Termine verpassen, Überforderung, Aufschieben, immer auf den letzten Drücker, sich ständig etwas vornehmen und es dann doch nicht machen. Bis hin zu Depressionen, chronischen Schmerzen, Ängsten, Burnout, Sucht und mehr.

Birgit Boekhoff

ADHS-Trainerin

Wenn sie Glück haben, stellen sie irgendwann fest, z.B. beim Lesen des Wikipedia-Artikels zu ADHS: Das könnte ich sein! Und lernen zwei Dinge: a) Ich habe endlich eine Ursache gefunden b) Ich habe eine neues Problem: Eine offizielle „Krankheit“, denn:

ADHS ist offiziell eine „Krankheit“. Sie bedeutet Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom. Und ADHS macht auch krank, siehe oben. ABER:

Mit ADHS ist man nicht per se krank. Krank macht vielmehr, wenn ein ADHS-Mensch sich in einer Welt bewegt, für die er offensichtlich nicht gemacht ist.

ADHS an sich ist nichts anderes als eine persönliche Konstitution, eine neurobiologische Veranlagung. Es gibt starke Ausprägungen, weniger starke und gar keine. Es ist ein Kontinuum wie braune Augen, grüne, blaue. Und es kommt nicht von „zuviel Fernsehen“ und man kann es so wenig ändern wie braune Augen. Und sollte es auch nicht!

Denn: Diese Konstitution KANN zwar krank machen, wenn man sie nicht beachtet. Das Gehirn „tickt“ einfach anders, als bei der Mehrheit der Menschen – und daher versteht die Mehrheit der Menschen ADHS’ler nicht und umgekehrt – das macht krank. Alle Beteiligten.

Andersherum ist mit ADHS aber auch ein glückliches, erfolgreiches – und gesundes – Leben möglich.

Und dazu gilt: es beginnt im Kopf!

Wenn man dieses andere „Gehirn-Strickmuster“ kennt und versteht, dann ist es möglich, die vielen Stärken und positiven Eigenschaften, die ADHS‘ler haben, zu entfalten und zu nutzen: Spontanität, Kreativität, Sensibilität, Hilfsbereitschaft, Witz, Durchhaltevermögen (bei klaren Zielen!), Assoziationsvermögen, um-Ecken-Denken, und noch viel mehr.

Wir sind als gesamte Gesellschaft gefragt, uns viel mehr mit dieser Konstitution auseinanderzusetzen, als es bisher der Fall ist. Denn es fehlt hier massiv an kompetenter Hilfe. Ein ganz praktisches Hilfsangebot finden Interessierte hier: www.adhs-trainerin.de

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