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Neurologie

Dem Winter und dem Virus entkommen: Ein chancenreiches Jahr für die Telemedizin

Photo: RossHelen via shutterstock

Dr. Dr. med. Tobias Weigl

Arzt für Anästhesie und Intensivmedizin

Die Telemedizin – also das Erbringen medizinischer Leistungen der Gesundheitsversorgung in puncto Diagnostik, Therapie und Rehabilitation über räumliche Entfernung hinweg – gewinnt immer mehr an Bedeutung. Immer mehr telemedizinische Verfahren werden angewendet sowie wissenschaftlich untersucht und erprobt, auch im Bereich der Neurologie. So gibt es aktuell mehrere telemedizinische Anwendungen zur Überwachung und Optimierung der Therapie von Schlaganfall-Patienten oder ein Projekt zur Verbesserung der Lebensqualität von Parkinson-Patienten.

Gerade die aktuelle Pandemie hat dafür gesorgt, dass die Telemedizin in der Neurologie rasante Fortschritte macht. Es werden dabei Vorteile offenbar, die auch in der Zeit nach der Krise v. a. für chronische neurologische Erkrankungen nutzbar bleiben sollten.

Möglichkeiten wie die Videosprechstunde, Patienten-Apps, elektronische Krankheitstagebücher und Monitoring per Körpersensor stehen schon länger zur Verfügung, erleben aber während der „Corona-Krise“ ein Hoch, da Präsenzkonsultationen aktuell eben nicht mehr das Mittel der Wahl darstellen – auch wenn dies vor der Krise noch als bevorzugte Arzt-Patienten-Interaktion betrachtet wurde. Die vielen Einschränkungen im Gesundheitsbetrieb – die dem Infektionsschutz aller Beteiligten dienen sollen – haben dazu geführt, dass gerade in der Neurologie nur noch akute oder nicht verschiebbare Fälle im Rahmen eines Praxisbesuchs bearbeitet werden. Mit der Telemedizin bietet sich in diesem Kontext eine hervorragende Alternative zu (vielen) Präsenzkonsultationen, wenn es z. B. darum geht, Routinesprechstunden bei chronischen neurologischen Krankheiten abzuhalten. Dies hat sogar mehrere Vorteile. Zum einen wird die Informationsübermittlung verlustfrei: Eindeutige Symptome wie Zittern oder motorische Störungen sowie Ereignisse wie Stürze oder Anfälle werden von an Körper oder Kleidung getragenen Sensoren aufgezeichnet und über Smartwatches o. Ä. direkt an den behandelnden Neurologen weitergeleitet. Gerade wenn Patienten im Rahmen ihrer neurologischen Erkrankung also auch kognitiv eingeschränkt sind, ergibt sich dadurch ein klarer Vorteil. Außerdem bietet sich mit dem telemedizinischen Monitoring die Möglichkeit, einen Erkrankungs- bzw. Therapieverlauf abzubilden und nicht nur eine Momentaufnahme (wie bei der Präsenzkonsultation) zu erhalten. Weitere Vorteile für Ärzte bieten sich durch eine bessere Bewertung der Patientenfähigkeiten im gewohnten Umfeld sowie einen Einblick in ebendieses und so eine bessere Beurteilung der Lebenssituation durch virtuelle Hausbesuche. Und ein ganz klarer Pluspunkt für Patienten: Eine mitunter beschwerliche Anreise mit Wartezeiten bis zur Konsultation entfällt.

Ein weiterer wichtiger Faktor beim Thema „Digitalisierung in der Medizin“ sind die sozialen Medien. Zwar sammeln sich dort auch Informationen, die eher der Kategorie „Pseudowissen“ zugeordnet werden können. Aber genau das ist auch der Grund, warum wir Mediziner das Feld nicht ebendiesen Pseudowissenden überlassen und uns dort mehr für Prävention, Aufklärung und evidenzbasierten Austausch starkmachen sollten. Gerade Plattformen wie YouTube oder Instagram bieten uns die Möglichkeit, unsere fachlichen Kompetenzen weitreichend zu teilen und uns möglichen Falschinformationen entgegenzustellen.

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