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    Gewitter im Kopf

    Foto: Piyaphat_Detbun via Shutterstock

    In einigen Tagen wird Désirée Heilmann 31 Jahre alt. Sie ist verheiratet und Mutter einer fast zweijährigen Tochter. Auf den ersten Blick ist sie eine ganz normale Frau, die ihr Leben genießt. Dass sie bereits drei Schlaganfälle hatte und dabei ihre erste Tochter verlor,
    sieht man nicht. Im Interview spricht sie über ihren Kampf zurück ins Leben und beschreibt, wie ihr ihr Sternenkind dabei geholfen hat.

    Foto: Privat

    Sie erlitten mit 22 Jahren einen Schlaganfall. Welche Symptome hatten Sie?

    Ich hatte drei Schlaganfälle innerhalb von 23 Wochen Schwangerschaft. Bei den ersten beiden war die rechte Seite betroffen – die Hand ist ausgefallen, der Fußheber funktionierte nicht und ich bin immer über meine eigenen Füße gestolpert. Zudem war das Sprachzentrum eingeschränkt. Es folgte eine Ärzteodyssee – keiner wusste, was ich habe, und konnte mir helfen. Dann kam der dritte und heftigste Schlaganfall, bei dem ich auch meine Finja verloren habe, ihr Herz ist stehen geblieben. Neben dem Verlust meines Kindes hatte ich einen vollständigen Sprachverlust, war links komplett gelähmt – Bein, Fuß, Arm, ich konnte nicht mal mehr sitzen. Ich hatte eine Magensonde, habe sieben Tage im Bett gelegen, bin gelagert worden – es ging einfach gar nichts mehr. Ich war von heute auf morgen auf dem Stand eines Babys.

    Wie ging es weiter?

    Ich kam in eine sehr gute neurologische Rehabilitationsklinik. Dort habe ich mich zurück ins Leben gekämpft. 

    Wie sind Sie in diesem jungen Alter damit umgegangen?

    Ich bin gelernte Altenpflegerin und hatte tagtäglich mit Schlaganfallpatienten zu tun. Es war Hauptthema meiner Abschlussarbeit, in der ich eine eins hatte – Schlaganfall war also, schon bevor ich selbst betroffen war, mein Gebiet. Mir wurde schnell bewusst, dass ich kämpfen muss. Dass ich mein Kind verloren habe, kam noch hinzu, was es psychisch nicht leichter gemacht hat. Doch ich habe beschlossen, dass ich für mein Sternenkind leben möchte. Das war mein großes Ziel. Richtig umgehen kann man damit aber eigentlich nicht. Man funktioniert. 

    Was hat Ihnen beim „Kampf zurück ins Leben“ geholfen?

    Ich hatte eine großartige Neurologin, eine fantastische Reha und tolle Therapeuten. Natürlich hat mir auch meine kleine Familie geholfen. Hätte ich die nicht gehabt, wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Leider gibt es in Deutschland nach wie vor eine große Unterversorgung von Schlaganfallpatienten. Bekommt man nicht von Anfang an die richtige Therapie, kann man das später oft nicht mehr aufholen. 

    Infolge der Schlaganfälle entwickelte sich bei Ihnen eine Spastik. Wie äußerte sich diese? 

    Die Spastik war am Anfang gar nicht da, fing aber an, als ich wieder anfing zu laufen. Erst kam die Armspastik, dann die Bein- und Fußspastik. 

    Wie wurden die Spastiken behandelt? 

    Anfangs wurde es mit Tabletten probiert. Ich habe quasi alle oralen Antispastika ausprobiert, doch leider keine vertragen. Die Nebenwirkungen waren zu heftig. In der Reha habe ich für die Zehen eine Silikonschiene bekommen, damit sie nicht zukrampfen. Das hat aber leider nicht so gut funktioniert. Zum Laufen hatte ich auch eine Schiene. Doch das Wahre war das für mich alles nicht. Ich nehme heute gar keine Hilfsmittel mehr. Für mich läuft es so besser. Für den Arm hatte ich Ergotherapien. In der Reha habe ich mein Körpergefühl extrem entdeckt und dadurch gelernt, meine Spastik zu kontrollieren.

    Welche Therapie- und Rehamaßnahmen helfen Ihnen am besten?

    Ich mache seit acht Jahren Ergotherapien und seit September letzten Jahres bin ich bei einer Handtherapeutin, und das hilft mir mit Abstand am besten. Zudem habe ich festgestellt, umso besser es mir psychisch geht, desto weniger leide ich an Spastiken. Was mir auch hilft, sind regelmäßige CBD-Wochenkuren. 

    Welche vier Ratschläge möchten Sie anderen Schlaganfallpatienten mit auf den Weg geben? 

    Zuerst: Gib niemals auf! Habe deine Träume vor Augen und kämpfe dafür. 

    Und dann: Weinen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.

    Zudem: Mit anderen reden. Es bringt nichts, alles mit sich selbst auszutragen.  

    Und zuletzt: Auf den eigenen Körper hören und vertrauen. Denn das Körpergefühl eines Schlaganfallpatienten kann keiner nachvollziehen. Ein Außenstehender wird nie verstehen, was Spastikschmerzen sind. 

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