Home » Neurologie » „Ich möchte MS-Erkrankten Mut machen“
Neurologie

„Ich möchte MS-Erkrankten Mut machen“

Foto: Staatskanzlei RLP/Elisa Biscotti

Interview mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Schirmherrin der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft im Landesverband Rheinland-Pfalz. Bei der 60-jährigen Politikerin wurde im Jahr 1995 MS diagnostiziert. 

Seit mehr als einem Jahr beeinflusst die Corona-Pandemie auch das Leben von Menschen mit MS erheblich. Vor welche zusätzlichen Herausforderungen hat die Pandemie Sie gestellt?

Natürlich gehören Menschen mit MS zur Risikogruppe, wie viele andere chronisch Kranke auch. Ich habe eine große Verantwortung in der Gesellschaft und auch in meinem direkten Umfeld erlebt: die große Disziplin und Bereitschaft, die AHA-Regeln einzuhalten, um sich und andere zu schützen. Dafür bin ich sehr dankbar! 

Die Corona-Pandemie hat meinen Alltag – wie den der wahrscheinlich allermeisten Menschen – komplett verändert, privat wie beruflich. Als Ministerpräsidentin bin ich naturgemäß rund um die Uhr damit beschäftigt, die Krise zu managen und die Folgen für die Menschen in Rheinland-Pfalz so gering wie möglich zu halten. Es ist eine große Verantwortung und eine große Herausforderung, für die es kein Beispiel gibt. Es gibt keinen Lebensbereich und keinen Menschen, der nicht von Corona betroffen ist. Viele Existenzen stehen auf dem Spiel, Kinder und junge Menschen müssen mit Homeschooling klarkommen und damit, ihre Freunde und Freundinnen nicht treffen zu können, aber auch ältere Menschen fühlen sich einsam und isoliert. Als Ministerpräsidentin arbeite ich rund um die Uhr dafür, dass wir schnell impfen, testen, testen, testen, dass unsere Krankenhäuser nicht überlastet werden und wir die Wirtschaft am Laufen halten. Ich gehe mit der Pandemie ins Bett und stehe mit ihr auf. 

Einen stressigeren Job als den Ihren, und dann auch noch jetzt zu Zeiten von Corona, kann man sich fast nicht vorstellen. Wie schaffen Sie das mit Ihrer Erkrankung, denn zurückgenommen haben Sie sich während der Zeit aus dem beruflichen Alltag ja nicht?

Die Krankheit MS hat tatsächlich viele Gesichter, wie man immer so sagt. Ich habe das Glück, dass sie ihr Gesicht bei mir ausschließlich in Form einer eingeschränkten Mobilität zeigt, und darauf habe ich mich gut eingestellt. Meine Arbeit erfüllt mich unglaublich, ich glaube, auch das gibt mir Kraft. Bevor ich Ministerpräsidentin wurde, war ich mehr als zehn Jahre Sozialministerin in Rheinland-Pfalz und hatte davor verschiedene Ämter. Das alles war ebenfalls mit sehr viel Arbeit und auch Stress verbunden; daran bin ich also gewissermaßen gewöhnt. Wenngleich ich tatsächlich die letzten 13 Monate mit nichts vergleichen kann, was ich bis dahin erlebt habe.  

Wo und wie finden Sie einen Ausgleich? Was schenkt Ihnen neue Kraft?

Meine Familie und meine Freunde geben mir viel Halt und Kraft. Wenn ich zu Hause in Trier bin, vor allem zusammen mit meinem Mann, kann ich am besten abschalten. Wir gehen dann zum Beispiel sehr gerne spazieren, raus in die Natur. Da tanke ich regelrecht neue Kraft, vor allem jetzt zu dieser wunderbaren Jahreszeit, wo alles sprießt und blüht. Ich versuche immer, das Positive zu sehen, das hilft mir bei Krisen oder bei Stress. 

Für welche Corona-Schutzmaßnahmen sorgen Sie in Ihrem beruflichen und privaten Umfeld? Was raten Sie MS-Erkrankten, um einen bestmöglichen Schutz gegen eine Ansteckung zu erhalten?

Es ist sehr wichtig, dass wir gegenseitig aufeinander achten, und das habe ich privat wie beruflich natürlich verinnerlicht. Das Motto muss lauten: „Ich schütze dich, du schützt mich.“ Das Virus benötigt Kontakte, um sich zu verbreiten. In der derzeitigen Situation ist es daher besonders wichtig, weiter Kontakte zu reduzieren. Wir müssen die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten, Masken tragen – und sollten uns testen (lassen), bevor wir uns treffen. Die Schnelltests sind ein wichtiges Hilfsmittel. Auch im beruflichen Umfeld folgen wir strengen Corona-Regeln. Im Bereich der Landesregierung wird in sehr großem Umfang im Homeoffice gearbeitet. Besprechungen finden digital statt. Das ist jetzt eine sehr harte Zeit, aber die Pandemie hat irgendwann ein Ende. Wir haben jetzt eine gute Perspektive – und zwar die Impfung. Ich rate jedem und jeder, sich impfen zu lassen, wenn er oder sie an der Reihe ist und keine ärztlichen Bedenken dagegensprechen. Die Impfung ist der beste Schutz.

Das Thema Impfung: Haben Sie für sich schon eine Entscheidung getroffen? Gab es dabei Bedenken, zum Beispiel in Bezug auf bestehende aktuell angesetzte Immuntherapien?

Ich werde mich ganz sicher impfen lassen, sobald ich an der Reihe bin. Es ist eine großartige wissenschaftliche Leistung, dass wir in so kurzer Zeit so wirksame Impfstoffe gegen diese Pandemie zur Verfügung haben. Und ich bin stolz, dass mit Biontech ein Unternehmen aus Rheinland-Pfalz international führend ist in der Impfstoffentwicklung und -produktion. 

Sie standen zum Zeitpunkt der Diagnose bereits als Bürgermeisterin stark in der Öffentlichkeit. Was hat Sie überzeugt, elf Jahre später als Ministerpräsidentin offen über Ihre Erkrankung zu sprechen?

Am Anfang habe ich auch auf Anraten meines damaligen Arztes nicht öffentlich über meine Krankheit gesprochen. Ich wollte zunächst einmal mit mir selbst damit ins Reine kommen. Nur meine Familie und die engsten Freunde wussten davon. Als ich Ministerin im Kabinett von Kurt Beck wurde, informierte ich ihn. Nachdem dann meine Mobilitätseinschränkung sichtbarer wurde, habe ich mich entschlossen, im Oktober 2006 an die Öffentlichkeit zu gehen, auch um weitere Spekulationen zu beenden.

Sie wirken heute fitter als je zuvor. Wie präsent ist die MS in Ihrem Alltag?

Ich achte auf mich, auch darauf, was ich esse und dass ich mich richtig und genug bewege, mache regelmäßig meine physiotherapeutischen Übungen. Glücklicherweise äußert sich die Erkrankung bei mir wie bereits gesagt ausschließlich in einer eingeschränkten Mobilität, sodass ich mit Hilfsmitteln wie beispielsweise dem Elektromobil für längere Strecken hier gut zurechtkomme.

Welche Tipps können Sie anderen MS-Erkrankten, die im Berufsleben stehen, an die Hand geben?

Ich möchte anderen MS-Erkrankten Mut machen und Kraft geben. Positive Beispiele sind sehr wichtig. MS-Kranke können wie alle anderen Menschen mitten im Berufsleben stehen, anspruchsvolle Aufgaben übernehmen, Stress aushalten und viel arbeiten. Trotzdem muss man auch immer sehen, dass jeder seine persönliche Geschichte hat, die nicht mit anderen vergleichbar ist. Ich würde mich aber freuen, wenn ich andere dazu ermutigen könnte, positiv nach vorne zu schauen.

Sie möchten mehr erfahren?

Weitere Informationen finden Sie unter www.dmsg.de. *

(*Anzeige)

Nächster Artikel