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Neurologie

Schlaganfall mit 38 Jahren

Kraft gaben Tobias in der Phase der Rehabilitation vor allem zwei Frauen, zum einen seine Schwester Deborah (links) und Schlaganfall Lotsin Kerstin Ohms. (Fotos: Privat)

Tobias Wisniewski ist 38 Jahre alt, als sich sein Leben von einem Moment auf den anderen verändert und er komplett aus der Bahn geworfen wird. Im Interview schildert er uns, wie ein Schlaganfall den jungen Systemadministrator auf „RESET“ setzte und welche Hürden es für ihn noch immer zu nehmen gilt.

Wann kam es zum Schlaganfall?

Wir halfen einer Freundin bei ihrem Umzug und haben dabei auch sehr schwere Lasten getragen. Als der Lkw dann weg war, wollten wir es uns zu dritt auf dem Balkon gemütlich machen. Und dann ging plötzlich gar nichts mehr. 

Was genau passierte?

Ich habe die Kaffeetasse verschüttet und fragte mich lautlos selbst: „Ich hatte eine Tasse. Warum ist die nicht mehr da?“ Mir wurde schwindelig, und um nicht auf den Boden zu fallen, setzte ich mich hin. 

Der rechte Arm war gelähmt und ich fühlte, dass er warm wurde. Ohne dass meine Freunde es merkten, hob ich den rechten Arm auf und legte ihn auf die Oberschenkel. Im Nachhinein weiß ich, dass ich mich wohl sehr untypisch verhalten habe und meine Freunde machten sich sofort große Sorgen. Aber auf ihre vielen Fragen konnte ich einfach nicht mehr antworten, über meine Lippen kam kein einziges Wort mehr. 

Sie haben extrem gut und schnell reagiert und den Rettungswagen gerufen, und schon nach wenigen Minuten standen die Sanitäter auf dem Balkon. 

Und dann?

Ich musste mehrfach die Arme heben. Mit dem linken Arm habe ich alles nachgemacht. Nur der rechte blieb immer auf den Oberschenkeln liegen. Ich sollte lächeln, aber ich habe nur das Gesicht verzogen. Lächeln konnte ich nicht. Ich denke, dass die Diagnose Schlaganfall für den Notarzt schnell klar war.

Was wurde im Krankenhaus diagnostiziert?

Durch die plötzliche Belastung beim Umzug hatte ich wohl einen Einriss in der Gefäßwand der Halsschlagader. Und dadurch hat sich das Gefäß verschlossen.  

Was waren die größten Hürden?

Definitiv die Sprache neu zu lernen. Ständig muss man lesen, ob es nun der Fernseher mit Teletext, Straßenschilder, die Uhrzeit oder Textnachrichten sind. Am meisten schreckt es mich noch heute ab zu telefonieren. Wenn viele Leute durcheinander sprechen, fällt es mir schwer, mich auf einen Gesprächspartner zu konzentrieren. Ich leide bis heute unter chronischer Aphasie. Es nervt mich, wenn ich etwas erzählen will und dann nicht die richtigen Wörter finde. Aber auch ich selbst habe mich verändert. Ich bin noch ruhiger und gelassener geworden, gönne mir mehr Pausen. Ich plane meine Termine übersichtlicher. 

Welche Therapien und Rehamaßnahmen haben Ihnen seitdem am meisten geholfen?

Logopädie, und zwar ganz viel davon! Ich habe unzählige Stunden beim Logopäden oder der logopädischen Reha verbracht und ich bin allen, die mich dabei unterstützt haben, auf ewig dankbar, dass ich zum Beispiel solch ein Interview heute überhaupt machen kann. Besonders meine Schwester Debbie hat mich auf dem gesamten Weg unterstützt, hat Termine koordiniert, mit mir geübt und war immer für mich da. Außerdem wurde ich ein Jahr lang von einer Schlaganfalllotsin begleitet, die mich auf meinem Weg auch bei Fragen, die für andere alltäglich sind, immer wieder beraten hat.

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