Welche Patienten leiden in der Regel unter einem Sturz auf das Handgelenk und einem folgenden Bruch der Speiche?

Betroffen sind hauptsächlich die Gruppen der Kinder, der aktiven, sportlichen Erwachsenen sowie der Senioren. Man schätzt, dass es in Deutschland jährlich rund 200.000 distale Radiusfrakturen, also handgelenksnahe Brüche, gibt.

Können Sie beschreiben, wie sich deren Unfälle beziehungsweise Therapien unterscheiden?

Bei Kindern, meist im Alter unter zehn Jahren, passieren diese Unfälle häufig beim Spielen. Da sie sich jedoch noch in der Wachstumsphase befinden, können sich ihre Knochen, wenn sie beispielsweise 20 bis 30 Grad schief stehen, nach einer Gips- oder Schienenbehandlung wieder selbst remodellieren. Man spricht dann von einer gutartigen Fraktur.

Bei Sportlern, wie Mountainbikern oder Snowboardern, handelt es sich um sogenannte Hochenergieverletzungen. Bei ihnen bricht der Knochen, wenn sie sich während eines Sturzes mit viel Kraft abstützen. Bei erwachsenen Patienten muss man das Gelenk danach meistens exakt richten und operativ behandeln.

Hinzu kommen oft noch Begleiterkrankungen. Zum Beispiel reißt der Bandapparat der Handwurzelknochen oder das Kahnbein bricht zusätzlich. Bei Fußballern beispielsweise, die im Spiel unzählige Male gefallen sind, können sich diese Begleitverletzungen sogar erst nach vielen Jahren bemerkbar machen. Viele dieser Frakturen werden nämlich nicht erkannt, weil man sie initial schlicht nicht sieht oder die Verletzung als Patient unterschätzt und nicht zum Arzt geht.

Und wie schaut es aus bei den Senioren?

Die sind heute viel aktiver als früher. Dennoch entwickelt sich selbst trotz präventiver Maßnahmen im hohen Alter unweigerlich eine Osteoporose. Die Knochen sind dann einfach nicht mehr so stabil. Eine 80-Jährige kann sich ihr Handgelenk bereits brechen, wenn sie aus ihrem Sessel fällt. Betroffen sind häufiger Frauen.

Das schmerzt fast schon beim Zuhören – wie erleben Sie die Patienten direkt nach den Unfällen?

Der unmittelbare Schmerz tut schon sehr weh. Wir können ihn jedoch deutlich lindern, indem wir die Stelle ruhigstellen. Nach ein paar Tagen mit einer Schiene ist der Schmerz rückläufig. Wichtig ist außerdem, den Bereich hochzulegen und zu kühlen, damit die Schwellung abnimmt. Hier helfen außerdem Medikamente.

Ein OP-Eingriff ist bei einer Standardfraktur nach circa einer Stunde abgeschlossen und in aller Regel zuverlässig durchführbar. Die Operation nimmt man meist unter Vollnarkose vor, bei älteren Menschen betäubt man oft nur den betroffenen Arm.

Kennen Sie Fälle, bei denen diese Unfälle auch langfristig negative Auswirkungen auf das Leben des Patienten hatten?

Das passiert bei sehr schweren Verletzungen, zum Beispiel im Verkehr oder auf einer Baustelle. Der Chirurg kann die Hand manchmal nur noch schwer vollständig rekonstruieren. Es können Schäden, Funktionsbeeinträchtigungen und eine eingeschränkte Drehbeweglichkeit verbleiben, wobei der Heilverlauf auch von individuellen Faktoren abhängen kann. In Einzelfällen ist aber ein Berufswechsel unausweichlich. Aber je nach Situation kann man auch diesen Betroffenen mit sekundären Rekonstruktionsmaßnahmen bis hin zu einem künstlichen Gelenk helfen.

Wie sind generell die Erfolgszahlen nach einer OP?

Es gibt Erhebungen von Experten, die belegen, dass rund 70 Prozent der Patienten danach sehr gut zurechtkommen und in ihrem Leben wieder genauso agieren können wie früher. Rund ein Viertel gibt ein gutes Feedback. Nur bei fünf Prozent ist es problematischer. Aber auch diese Patienten geben wir als Ärzte nicht auf. Wir analysieren die verschiedenen Ursachen der Beschwerden und können mit unterschiedlichen Folgeeingriffen doch noch zu einer besseren Funktion beitragen. Hierzu zählen beispielsweise Metallentfernungen, Längenkorrekturen, Wiederherstellung des Bandapparates oder arthroskopische Eingriffe.

Diese positiven Ergebnisse erklären sich wahrscheinlich auch durch neu entwickelte Materialien. Vor rund 20 Jahren stabilisierten Ärzte die Frakturen vor allem mit Gips, Drähten und relativ dicken Platten aus Stahl. Heute sind diese aus Titan und deutlich filigraner. Sie sind der Anatomie besser angepasst, vermeiden Sehnenirritationen und lösen keine Allergien aus.

Eine aktuelle Entwicklung, die sich für die kommenden Jahre ankündigt, sind biologische Materialien. Diese sollen sich sogar geschickt im Körper auflösen können, was aber noch in Studien zu belegen ist.