Was sind Ihrer Meinung nach die größten Tabus in unserer Gesellschaft?

Zuallererst muss ich für mich das Thema Tabu definieren. Das finde ich sehr interessant, denn es steht wohl keiner von uns morgens auf und fragt sich: „Was ist eigentlich ein Tabu?“

Ja, was ist eigentlich ein Tabu?

Ein Tabu ist meiner Meinung nach etwas, das in stillschweigender Übereinkunft getroffen wird – entweder kulturell, politisch oder sexuell bedingt. Es beinhaltet Verhaltensweisen, die oft nicht hinterfragt werden, strikt und bedingungslos abgelehnt werden und meist universell sind.

Tabus bleiben oft unausgesprochen, was meiner Meinung nach der größte Fehler ist, oder werden indirekt oder gar ironisch thematisiert. Dadurch sind tabubelegte Dinge häufig jeglicher rationalen Begründung und Kritik entzogen.

Können Sie das zuvor Geschilderte an Beispielen definieren?

Fast alle Lebewesen, Dinge oder Situationen, die für den Menschen von Relevanz sind, können tabuisiert werden. Beispielsweise Handlungen wie Kindesmisshandlung oder Konfliktthemen wie die Flüchtlingsfrage. Das hat sich auch zu einem Tabuthema entwickelt.

Warum?

Vor allem nimmt die Gewalt an Kindern unter drei Jahren zu.

Es wird immer nur das Ja oder Nein thematisiert, jedoch selten das Ja, aber wie. Dadurch ist es mittlerweile so, dass Menschen, die dieses Thema kritisch betrachten, sofort rechts sind und die, die sich dafür einsetzen, ebenfalls negativ betrachtet werden.

Diese Ambivalenz macht auch Tabuthemen aus. Diese zwei extremen Seiten, die sich wie ein Pendel unaufhörlich hin und her bewegen.

Tabus sind ungemütlich. Dennoch wollen wir alle weltoffen sein und jedes Thema besprechen. Auch Sexualität oder sexuelle Orientierung ist teilweise noch ein Tabu. Wie kann das sein?

Tabus polarisieren auch. Bei einigen Themen, wie Kindesmisshandlung, sind sich alle einig, dass dies nicht in Ordnung ist, während bei Tabuthemen wie Homo-Ehe oder gewissen Sexualpraktiken wie BDSM manche total locker damit umgehen und es als normal betrachten, während andere dies niemals akzeptieren werden.

Sie setzen sich gegen eines der größten Tabus unserer Gesellschaft ein: Gewalt gegen Kinder. Wie kam es dazu?

Kinder sind die Schutzbedürftigsten unserer Gesellschaft, sie sind aber auch unsere Zukunft. Wenn eine Kinderseele zerbricht, zerbricht auch ein Stück Zukunft.

In der Charité gibt es jetzt übrigens auch eine Gewaltschutzambulanz für misshandelte Kinder.

Dass jeden Tag elf Kinder krankenhausreif geschlagen werden, dass jeden zweiten Tag ein Kind in Deutschland an den Folgen seiner Misshandlung stirbt, macht mich fassungslos.

Vor allem nimmt die Gewalt an Kindern unter drei Jahren zu. Ich möchte darüber aufklären, die Menschen wachrütteln und sie bitten, nicht die Augen vor Kindesmisshandlung zu verschließen.

Haben Sie selbst Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht?

Ich selbst hatte das Glück, eine sehr schöne Kindheit zu haben. Doch ich war in der Gerichtsmedizin in der Charité, wo ich mir ein Bild machen konnte, was wirklich – meist hinter verschlossenen Türen – passiert. Das hat mich fürs Leben geprägt und mir noch mehr verdeutlicht, dass etwas passieren muss.

Leute, es sind Kinder und sie sollten unbeschwert, glücklich und ohne jegliche Form von Gewalt aufwachsen können.

Ich habe Bilder gesehen von Kindern, die einen Schuhabdruck im Gesicht hatten oder körperlich so stark misshandelt wurden, dass der kleine Körper mehr blau und blutig war als gesund. So etwas darf einfach nicht passieren!

In der Charité gibt es jetzt übrigens auch eine Gewaltschutzambulanz für misshandelte Kinder, was in jeder größeren Stadt etabliert werden muss.

Fälle von Kindesmisshandlung passieren meist im privaten Umfeld.

Das macht es ja so kompliziert. Kaum einer wird beim Nachbarn klingeln, weil das Kind ständig schreit, und ihn fragen, warum er sein Kind schlägt oder seine Tochter vergewaltigt. Die Diskussion mit Vater oder Mutter des Kindes zu suchen, ist schwierig.

Man kann Eltern, die ihre Kinder misshandeln, nicht an der Nasenspitze erkennen.

Keiner weiß hier so genau, wie man sich verhalten soll. Die Angst, etwas Falsches zu tun, stigmatisiert oder verurteilt zu werden, stellen die meisten über das Kindeswohl, was fatal ist. Es ist immer einfacher wegzuschauen, doch wegschauen kann das Leben des Kindes kosten.

Natürlich kann man sich auch irren, doch wenn ein Verdacht besteht, sollte man diesem auch nachgehen und nicht einfach wegsehen. Ich appelliere an die Mitmenschlichkeit: Leute, es sind Kinder und sie sollten unbeschwert, glücklich und ohne jegliche Form von Gewalt aufwachsen können.

Wie geht man damit um, wenn man einen Verdacht hegt?

Man kann immer Hilfe anbieten: „Ich habe bemerkt, dass Sie in letzter Zeit sehr angespannt sind, kann ich Ihnen helfen?“ – „Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“ Auch im Freundes- und Bekanntenkreis können solche Dinge passieren. Auch hier sollte man offen Hilfe anbieten. Das ist ein erster Schritt.

Eltern, die ihre Kinder misshandeln, wechseln größtenteils nachweislich häufig den Kinderarzt.

Man kann Eltern, die ihre Kinder misshandeln, nicht an der Nasenspitze erkennen. Sie sind keine Monster, wohnen nicht in dunklen Kellern und legen ihre Kinder in Ketten. Nein, es sind Menschen aus allen Schichten, denen das passiert.

Häufig sind Stress und Überforderung der Auslöser. Und diese Faktoren kann man als Außenstehender nur beheben, wenn man Hilfe bei der Bereinigung des Auslösers anbietet.

Muss diesbezüglich auch aufseiten der Politik etwas passieren?

Definitiv. Ziel des Deutschen Kindervereins in Essen (www.deutscher-kinderverein.de), in dem ich mich engagiere, sind drei große Dinge. Das ist zum einen, dafür zu sorgen, politischen Druck aufzubauen und auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Zudem muss das sogenannte Ärztehopping unterbunden werden.

Ärzte müssen Verletzungen durch körperliche Gewalt erkennen und dementsprechend handeln.

Eltern, die ihre Kinder misshandeln, wechseln größtenteils nachweislich häufig den Kinderarzt, damit die Verletzungen nicht auffallen. Hier muss eine Gesetzesänderung her. Auch müssen Ärzte geschult werden, genauer hinzusehen.

Ein blauer Fleck von einem Sturz oder Ähnlichem unterscheidet sich von Verletzungen und Blessuren durch körperliche Gewalt.

Das müssen Ärzte erkennen und dementsprechend handeln. Dafür braucht es spezielle Schulungen. Und der dritte Punkt sind Aufklärung über Schütteltrauma und das allgemeine Aufrütteln der Öffentlichkeit: Hinschauen!