Eines der am häufigsten eingesetzten Elemente der komplementären Onkologie ist die Misteltherapie.

Komplementäre Medizin ist kein „Einheitsrezept“: Die Behandlungsmöglichkeiten sind vielseitig, und weil jeder Mensch mit seiner Krankheit einzigartig ist, werden die möglichen Maßnahmen je nach Patientensituation wie Bausteine zu einer bedarfsgerechten Therapie zusammengestellt.

Dr. Daniela Paepke ist Frauenärztin am Klinikum rechts der Isar der TU München. Am dortigen interdisziplinären Brustzentrum haben sich komplementäre Therapien seit Jahren bewährt.

„Es ist wichtig, den Patientinnen ihre Machtlosigkeit zu nehmen“, erläutert Dr. Paepke. „Mit der eigenverantwortlichen Anwendung dieser Therapien machen sie die Erfahrung, dass sie nicht nur durch Medikamente gesund werden, sondern auch die notwendige Achtsamkeit für ihren Körper entwickeln müssen.“

Als wichtigste Bestandteile einer komplementären Behandlung erachtet Dr. Paepke neben Ernährung, Sport und Mind-Body-Therapien auch Mistelinjektionen, die sie mit Beginn einer Chemotherapie beziehungsweise schon beim Vorliegen eines onkologischen Befundes einsetzt. „Fast 80 Prozent meiner Patientinnen nutzen die Misteltherapie.“ Die Ärztin setzt die Misteltherapie auch nach Abschluss der konventionellen Maßnahmen fort: „Die Anwendungsdauer beträgt bis zu zwei Jahre. In der Palliativsituation, wenn zwar keine Heilung, aber die Linderung von Beschwerden möglich ist, kann die Therapie unbegrenzt eingesetzt werden.

Ita Wegman entwickelte 1917 das erste injizierbare Mistelpräparat.

Wir arbeiten seit über 14 Jahren mit der Misteltherapie und erzielen besonders gute Ergebnisse bei CRF (Cancer-Related Fatigue), Infektanfälligkeit und gestörten Körperfunktionen (Temperatur, Schlaf, Appetit). Auch bei Patienten, die an Angst und Depressivität leiden, bewirkt die Mistel eine Stabilisierung. Die subkutane Gabe – anfangs drei Spritzen pro Woche – erfordert keine spezielle Anleitung. Die Patienten erhalten Flyer und auf Anfrage Unterstützung bei der ersten Anwendung.“

„Die Ergänzung der onkologischen Standardtherapien durch wissenschaftlich geprüfte komplementäre Therapien kann die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern“, weiß auch Dr. Doreen Jaenichen, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren an der MVZ Zentralklinik Bad Berka. Vor allem ihre Onkologiepatienten profitieren von der Misteltherapie. Die Methode ist seit Jahrzehnten bewährt, gut verträglich und lässt sich mit weiteren Therapien kombinieren.

Mehr als zwei Drittel aller Patienten nutzen bereits eine Kombination aus konventionellen und komplementären Therapieverfahren. Entsprechend steigt die Zahl der Kliniken und Praxen, die sich auf diesen Bedarf spezialisieren. Ärzte wie Dr. Paepke und Dr. Jaenichen, die Komplementärmedizin praktizieren, werden dem Patienten alle therapeutischen Möglichkeiten aufzeigen, sodass dieser entscheiden kann, welchen Weg er gehen möchte, also welche „Bausteine“ sein Therapieplan enthalten soll.

Auf diese Weise kämpfte auch Claudia Graszek gegen ihre Krankheit: Nach der Entfernung ihres Blasentumors beinhaltete ihr komplementärmedizinischer Therapieplan neben einer Ernährungsumstellung unter anderem auch Mistelinjektionen. Heute ist sie rezidivfrei. „Die nach der OP verbliebenen Krebszellen im Muskelgewebe sind weg“, freut sie sich, „nie hätte ich gedacht, dass es mir wieder so gut gehen könnte.“

„Die individuelle Zusammenstellung therapeutischer Module aus den Bereichen Ernährung, Bewegung und Psychologie sowie unterstützender Therapien wie der Misteltherapie führt zu besseren Therapieerfolgen mit signifikant weniger Nebenwirkungen“, fasst Dr. Jaenichen zusammen. „Und das ist es, was eine dem Menschen zugewandte Krebsbehandlung für mich bedeutet: nicht nur dem Leben mehr Tage, sondern auch den Tagen mehr Leben zu geben.“